Ein Gespräch von "kindergarten heute" mit Prof. Dr. Dr. Dr. W. Fthenakis
(erschienen im Heft 6/2002, S. 20 - 23)
Wohin geht die Entwicklung von Kindergärten und KiTas?
Welche Änderungen haben ErzieherInnen im Hinblick auf den Bildungsauftrag zu erwarten?
Der europaweit bekannte Bildungsforscher Professor Wassilios Fthenakis beantwortet aktuelle Fragen. kindergarten heute: Nicht erst seit Bekanntwerden der PISA-Studie steht fest, dass sich am deutschen Bildungssystem etwas ändern muss. Welche langfristigen Ziele halten Sie für Kindertagesstätten und Kindergärten für vorrangig? Professor Dr. Fthenakis: Ich denke, dass wir mindestens auf drei Ebenen das Problem angehen sollten.
- Es gibt eine strukturell-organisatorische Ebene, die folgende Aspekte umfasst:
- Auf der Ebene der Einrichtung müssen wir neue Formen entwickeln, die das bisherige Konzept - Krippe, Kindergarten, Hort und Schule - zu Gunsten der Integration von mehreren Angeboten für Kinder, von Angeboten für Eltern plus Angeboten für die Beratung und Begleitung des Fachpersonals beinhalten.
- Der zweite Aspekt betrifft das System der Kindertagesbetreuung generell. Die Situation dieses Systems in der Bundesrepublik Deutschland ist unausgeglichen. Es benötigt eine neue Balance. Wir haben nämlich einzelne Bereiche stark reguliert, etwa die Verwaltung der Finanzen, die Steuerung der Einrichtung selbst, und andererseits Bereiche dereguliert wie beispielsweise die pädagogische Konzeption, obwohl diese dringend reguliert werden müssten.
- Der zweite Aspekt betrifft das Bildungskonzept: Es gibt gegenwärtig wenige Länder in der Welt, in denen Kinder unter sechs Jahren ohne Konzept erzogen werden. Dazu gehört die Bundesrepublik - und dies, obwohl in Europa in den letzten sechs Jahren die Entwicklung klar in die Richtung geht, dass auf Landesebene ein Bildungsplan für diesen Bereich entworfen werden muss. Norwegen beispielsweise hat 1996 einen solchen Bildungsplan verabschiedet, Schweden folgte zwei Jahre später und im Jahr 2000 Großbritannien. Es ist eine nicht mehr aufschiebbare Aufgabe, den Bildungsauftrag für die Tageseinrichtungen für Kinder neu zu definieren. Die Beiträge jüngsten Datums aus dem deutschsprachigen Gebiet sind deshalb unbefriedigend, weil sie weitestgehend nicht reflektieren, was sich gegenwärtig international entwickelt. Dies ist aber wichtig, weil die Definition des Bildungskonzeptes heute nicht mehr national, sondern vor dem Hintergrund internationaler Entwicklungen vorgenommen werden sollte. Auf diese Entwicklungen wird eine Monographie eingehen, die von Frau Oberhuemer und mir herausgegeben und Anfang 2003 auf den Markt kommen wird, in der 28 Beiträge aus 15 Ländern enthalten sind.
- Eine dritte vorrangige Forderung betrifft die Reform der Ausbildung sowie die Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte. Das Land kann es sich nicht mehr leisten, (zusammen mit Österreich) das formal niedrigste Ausbildungsniveau für Erzieherinnen anzubieten. Die Anhebung des Niveaus und eine qualitative Verbesserung der Ausbildung sind längst fällig.
kindergarten heute: Welche Maßnahmen halten Sie für geeignet, damit durch unser föderalistisch gesteuertes Land "ein Ruck geht", der bewirkt, dass sich in der Praxis baldmöglichst etwas tut? Prof. Dr. Fthenakis: Föderalismus in einem Land ist nützlich, wenn es darum geht, Vielfalt und Kreativität bei der Implementation von Konzepten zu ermöglichen. Aber er erweist sich als Nachteil, wenn es darum geht, Gesamtreformen durchzuführen und einen Bildungsplan für das ganze Land zu erstellen und zu verabschieden. Ein notwendiger Bildungsplan für alle Kinder in Deutschland unter sechs Jahren sollte meines Erachtens nicht der Alleinzuständigkeit eines Bundeslandes überlassen bleiben. Hier könnte ich mir vorstellen, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) oder andere Strukturen die Initiative ergreifen und eine Plattform initiieren, auf der sich die Fachverbände (beispielsweise der privaten und kirchlichen Träger, die Didacta etc.), die Fachzeitschriften, einzelne Persönlichkeiten, aber verstärkt auch Vertreter der Politik und der Wirtschaft zusammenfinden, um ein Bildungskonzept zu entwerfen, das von allen Seiten der Gesellschaft und aus allen Perspektiven mitgestaltet und mitgetragen wird. Ein rein administratives Vorgehen oder ein politisches Konzept bloß eines Landes wird der gegenwärtigen Situation nicht gerecht werden können.
kindergarten heute: Nun, das braucht alles Zeit - was raten Sie der Erzieherin vor Ort, zwischenzeitlich konkret zu tun? Prof. Dr. Fthenakis: Die erste Initiative in dieser Richtung hat das Land Bayern bereits eingeleitet. Die Bayerische Staatsministerin, Frau Christa Stewens, hat dem IFP den Auftrag erteilt, ein Bildungskonzept zu entwickeln. Es ist geplant, bereits im Herbst dieses Jahres erste konkrete Anregungen zu unterbreiten, in welche Richtung die Entwicklung des Bildungssystems und des Bildungsauftrags in den Kindertageseinrichtungen gehen soll. Die drei Schwerpunkte: Resilienz (d. h. Widerstandskraft des Kindes und seine Fähigkeit, mit belastenden Situationen angemessen umzugehen), lernmethodische Kompetenz und Bewältigung von Übergängen, sind geeignet, Impulse für einen neuen Bildungsauftrag zu geben. Es liegt zudem bereits eine große Zahl von Anregungen für die Umsetzung in die Praxis vor. Ich wäre ausdrücklich dankbar, wenn die Fachleute in der Praxis diese Dinge aufnehmen, kreativ weitergestalten und uns auch rückmelden würden, welche Erfahrungen gemacht werden oder welche anderen, möglicherweise auch besseren, Ideen die Praxis hat, um diese Entwicklung mitzusteuern.
In Kooperation mit der BETA (Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder e. V.) haben wir in diesem Jahr bundesweit eine Reihe von Bildungsforen eingerichtet, zu denen wir alle einladen, die kommen möchten, um jeweils zwei Tage lang die Grundsätze dieser neuen Bildungskonzeption zu diskutieren und die Praxis zu informieren.
kindergarten heute: Sind Sie davon überzeugt, dass die vielfältigen Forschungsergebnisse und Diskussionen auf oberster Ebene auch tatsächlich in der Praxis etwas bewegen? Prof. Dr. Fthenakis: Ich vertraue in diesem Punkt auf unsere Fachkräfte vor Ort, die wiederholt bewiesen haben, dass sie die Notwendigkeit der Zeit erkennen und auch selbst dazu beigetragen haben, dass sich die Situation verändert. Ich vertraue auf ihre Kompetenzen, um diese interessante, wenn auch sicherlich nicht einfache, Aufgabe zu bewältigen, wenn sie mit Fortbildungsmaßnahmen begleitet werden. Was mich immer wieder begeistert, ist die Bereitschaft der Fachkräfte, diesen Veränderungsprozess mitzugestalten und zu unterstützen.
Es gibt keine Stufe im Bildungssystem, in der die Pädagogen so aufgeschlossen, auch so veränderungsbereit, sind wie den Elementarbereich. Das ist seine Stärke. Diese sollten wir uns nicht durch Konzepte oder Mechanismen nehmen lassen, die auf eine ökonomisch orientierte Steuerung des Systems hinauswollen oder durch solche, die glauben, uns mit Gutscheinen steuern zu können. Solchen Konzepten muss man eine eindeutige Absage erteilen. Sie sind vielleicht gut für die Verwaltung und die Finanzen, aber sie sind nicht geeignet, um komplexe Bildungsprozesse zu steuern, geschweige denn zu unterstützen und zu fördern.
kindergarten heute: Verraten Sie unseren LeserInnen, wie der "ideale Kindergarten der Zukunft" in der Vorstellung von Professor Fthenakis aussieht? Prof. Dr. Fthenakis: Ich glaube, dass der "ideale Kindergarten der Zukunft" eine kreative Werkstatt sein wird, in der die Erzieherin das Kind als kleinen Entdecker, als kreative und lernende Persönlichkeit begleitet, die an der Konstruktion ihrer Lernumwelt beteiligt ist. Der Anspruch eines Kindes (einschließlich des rechtlichen Anspruchs) auf Bildung von Anfang an - das heißt bereits beginnend mit seiner Geburt - wird allgemein anerkannt sein. Dieser Kindergarten wird sich nicht als geschlossene Anstalt begreifen, in der Eltern nur als Zaungäste des Geschehens fungieren, sondern als eine offene Einrichtung, in der die Eltern als Ko-Konstrukteure mitarbeiten und nicht bloß "Kunden" sind. Ich sehe eine Einrichtung, in der dem Kind die Möglichkeit eröffnet wird, sich selbst die Erzieherin auszusuchen, mit der es kommunizieren will, einen Kindergarten, in dem sehr gute Kommunikations- und Demokratiemodelle von der Erzieherin praktiziert werden, der sich gut in die soziale und kulturelle Umgebung des Landes einbetten lässt und vor allem einen Kindergarten, welcher bei der Konkretisierung des Bildungsauftrags der kulturellen Diversität der Kinder Rechnung trägt, sowie einen Kindergarten, der sich für moderne Entwicklungen in der Technik öffnet; einen Kindergarten, der Kinder auf eine Welt vorbereitet, die sich heute leider immer schwerer prognostizieren lässt, viele Brüche und Übergänge beinhaltet, in hohem Maße diskontinuierlich verläuft.
Wir werden deshalb den Kindern das Rüstzeug mit auf den Weg geben müssen, um diese Welt verantwortlich mitzugestalten und dabei mitzubestimmen, d.h. nicht zuletzt brauchen wir Kinder, die in ihrer Autonomie und Selbstständigkeit gestärkt werden und die auch gelernt haben, soziale Verantwortung zu übernehmen. Die Systeme von heute, die Gesellschaft von heute - und noch mehr in Zukunft - lassen sich nicht mehr von außen steuern. Es ist die Aufgabe eines jeden von uns, Verantwortung für die Steuerung des Systems mitzutragen. In diesem Sinne brauchen wir eine Konzeption, die dem Einzelnen dabei hilft, in einer Welt, die kulturell und sozial unglaublich komplex geworden ist, Orientierungskompetenz auszubilden. Die Entwicklung von Orientierungskompetenz ist zu einer individuellen Aufgabe geworden. Eine solche Werkstatt muss natürlich auf einem demokratischen Verständnis aufbauen und sollte stimulierende Lernsituationen für alle Kinder bereitstellen.
kindergarten heute: Sie sind also gegen ein Curriculum ähnlich der "École maternelle" in Frankreich und nicht für eine Schulpflicht für Fünfjährige? Prof. Dr. Fthenakis: Dies ist vielleicht die wichtigste Frage, die ich heute von Ihnen gestellt bekomme. Wir brauchen einen Bildungsplan, der der Praxis sehr viel Raum für Kreativität, für die Anwendung von weiten methodischen und pädagogischen Ansätzen lässt. Und wir brauchen einen Bildungsplan, der unsere Kinder nicht einseitig, also nur auf die Schule oder nur den Beruf, vorbereitet, sondern auf das gesamte Leben. Nur so können wir die Zukunft miteinander meistern. Eine eng gefasste "École maternelle" ist deshalb nicht meine Vision, sondern eine Einrichtung wie der Kindergarten, der dem Kind den Rahmen bietet, in einem ganzheitlichen Sinne kompetent zu werden, damit es sein ganzes Leben angemessen und in Verantwortung zu gestalten lernt.
Das Interview führte Christine Merz.