Bildungsangebote für Familien

(BFB-Programm, Online-Familienhandbuch)

I. FAMILIENBILDUNGSANGEBOTE IM ÜBERBLICK

I.1 Einleitung

Familien sehen sich mit Herausforderungen konfrontiert, die mit der zunehmenden Diversität und Komplexität gesamtgesellschaftlicher Rahmenbedingungen zusammenhängen, unter denen heute Familienleben organisiert und gelebt wird. Solche Herausforderungen resultieren gegenwärtig insbesondere aus dem Übergang zu einer Wissensgesellschaft, aus der (globalisierten) Ökonomie und der modernen Wirtschaft, aus der Arbeitswelt, aus einer zunehmend stärker werdenden Mobilität aber auch aus Phänomen wie soziale Ausgrenzung und Armut. Die sozialwissenschaftliche Forschung hat darüber hinaus seit geraumer Zeit einen Wandel familialer Strukturen und Beziehungen dokumentiert, der zusätzliche Anforderungen an die einzelnen Familienmitglieder und an das System Familie richtet zu deren Bewältigung besondere Kompetenzen erforderlich sind. Mehr denn je müssen heute Familien ihre Biographie diskontinuierlich gestalten. Brüche und Übergänge stehen zur Bewältigung an.

Das formelle Bildungssystem bereitet auf die wichtigste Rolle im Leben, die des Partners/Vaters bzw. der Partnerin/Mutter wenn überhaupt nur äußerst unzureichend vor. Und dies obwohl alle psychologischen Entwicklungstheorien die Bedeutung der (frühen) Kindheit für die weitere Entwicklung anerkennen und die Familie, vor allem die Eltern, als einen der wichtigsten Einflussfaktoren für die physische, psychische und soziale Entwicklung des Kindes betrachten. Untersuchungen zeigen, dass nicht die stabile Betreuungsperson, sondern die (oder mehrere) Person(en) mit einer guten Beziehung zum Kind der wirksamste protektive Faktor zum Schutz vor seelischer Erkrankung trotz sonst ungünstiger Bedingungen beim Kind ist (Ulich, 1988).

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) hat den Anspruch auf allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie (§ 16 KJHG) bzw. auf Hilfe zur Erziehung (§ 27 KJHG) kodifiziert. Während im § 16 KJHG die präventive Hilfe im Vordergrund steht, betont § 27 KJHG kurative Hilfen und Interventionen in der Familie. Explizit werden im § 16 Angebote der Familienbildung genannt, "die auf Bedürfnisse und Interessen sowie auf Erfahrungen von Familie in unterschiedlichen Lebenslagen und Entwicklungssituationen eingehen, die Familie zur Mitarbeit in Erziehungseinrichtungen und in Formen der Selbst- und Nachbarschaftshilfe besser befähigen sowie junge Menschen auf Ehe, Partnerschaft und das Zusammenleben mit Kindern vorbereiten".

Nach dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterscheidet man zwischen einer

(a) institutionellen,
(b) einer informellen,
(c) einer funktionalen und
(d) einer medialen Familienbildung.

(BMFSFJ, 1996).


"Institutionelle" Familienbildung findet in einer Einrichtung statt und beinhaltet in der Regel Informationsveranstaltungen bzw. Elterntrainings, die von einer professionellen Fachkraft angeboten werden. "Informelle" Familienbildung umfasst den nicht formell organisierten Austausch zwischen Eltern und dem verwandtschaftlichen und sozialen Netz. Mit "funktionaler" Familienbildung ist Mitsprache und Mitgestaltung der Eltern bei der Arbeit in den Tageseinrichtungen ihrer Kinder gemeint, während die "mediale" Familienbildung von Fachzeitschriften, Elternratgebern, Rundfunk- und Fernsehbeiträgen sowie durch Beiträge im Internet geleistet wird.

"Eltern- und Familienbildung soll die Erziehungskompetenz der Eltern verbessern und dadurch die gesunde Entwicklung von Kindern unterstützen, das Auftreten von Störungen verhindern bzw. bereits bestehende Störungen abmildern" (Minsel, 1999). Sie soll auch bei der Entwicklung von Lösungsstrategien sowie Krisen- und Konfliktbewältigungsmaßnahmen behilflich sein und Angebote für deren Einübung bereit stellen (Brandmayr, 2000).

Angebote der Familienbildung können nach Schneewind (1999) primär-präventiver (Vermittlung von Kompetenzen, die für den Aufbau positiver interpersoneller Beziehungen und für die Entwicklung von Selbstregulierungsmechanismen von Bedeutung sind) oder sekundär-präventiver Natur sein (z. B. Vorbereitung von Paaren auf transitionsbedinge Übergänge, Vermittlung von Kompetenz zur Bewältigung von kritischen Ereignissen etc.). Tertiär-präventive Ansätze verfolgen das Ziel, Familien, die eine Familientherapie oder Familienberatung in Anspruch genommen haben, anschließend durch Kurse oder Seminare zu unterstützen und ihre Handlungskompetenz zu stärken. Dadurch soll erreicht werden, dass vormalige Störungen künftig vermieden werden.

Die familienpsychologische Forschung konnte eine Reihe von Faktoren identifizieren, die kompetente Eltern kennzeichnen: so sind nicht an Bedingungen gebundene Wertschätzung des Kindes, Verständnis bzw. Feinfühligkeit dem Kind gegenüber, ein autoritativer Erziehungsstil, die Qualität der Partnerschaft, Übereinstimmung in den elterlichen Erziehungseinstellungen und Erziehungspraktiken sowie das Familienklima relevante Aspekte kompetenter Mutterschaft und Vaterschaft. Auch die Verfügbarkeit von sozialen Netzen und Unterstützungssystemen hat sich als vorteilhaft erwiesen.

Eine in Kanada durchgeführte Längsschnittstudie konnte nachweisen, dass die Stärkung elterlicher Kompetenz mittel- und langfristig mit positiven Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung assoziiert ist. Vor allem wurde gezeigt, dass durch eine gezielte Förderung des Elternverhaltens Kinder aus Risikofamilien die Entwicklungswerte von Kindern aus Nichtrisiko-Familien erreichen können. Die Stärkung elterlicher Kompetenz ist somit einer der wirksamsten Mechanismen zur Vermeidung kindlicher Fehlentwicklung und zur Reduktion sozialer Kosten im System.

Verfügbare Interventionsprogramme stimmen darin überein, dass einer guten, funktionierenden Beziehung zwischen Eltern und Kind Priorität vor bestimmten erzieherischen Interventionen eingeräumt wird. Es gilt demnach die Eltern-Kind-Beziehung zu stützen und zu stärken. Den hierfür verfügbaren älteren Programmen liegen unterschiedliche theoretische Orientierungen und Zielsetzungen zugrunde. Während z. B. etliche Programme Lob und Strafe einsetzen, lehnen dies andere entschieden ab (z. B. das auf den Prinzipien der humanistischen Psychologie aufbauende PET-Parent Effectiveness Training von Gordon, 1972). Auf diese Programme kann hier nicht näher eingegangen werden (für einen Überblick vgl. Minsel, 1999).Vielmehr gilt es hier auf einige neuere Programme hinzuweisen, die in den neunziger Jahren entwickelt wurden und die zunehmend an Bedeutung gewinnen.


I.2 Programme zur Förderung elterlicher Kompetenz in besonderen Problemsituationen

Die internationale Interventionsforschung hat in den letzten Jahren eine Reihe von Hilfen und Anregungen vorgelegt, die elterliche Kompetenz und Qualität der Partnerschaft über alle Phasen des Familienentwicklungsprozesses bzw. in unterschiedlichen Familiensituationen fördern sollen. Solche Angebote beziehen sich primär auf Risikofamilien, die Stressoren von hoher Intensität bzw. Dauer ausgesetzt sind, die unter weniger förderlichen Umweltbedingungen leben und deren Mitglieder durch geringe Bewältigungskompetenzen oder erhöhte konstitutionelle Vulnerabilität gekennzeichnet sind. So gibt es z. B. Programme für Familien, die einen zu früh geborenen Säugling versorgen müssen, für Mütter, die noch minderjährig sind oder für junge Eltern, die in ihrer Herkunftsfamilie Misshandlungen erfahren haben. Des weiteren gibt es Programme, die Kinder vor Konsumverhalten bewahren oder die drogensüchtige Mütter beim Abbau des Drogenkonsums unterstützen sollen (Minsel, 1999).

Programme wurden auch für Familien entwickelt, deren Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, wie beispielsweise gestörtes Essverhalten, Schlafstörungen, Aggressivität, abweichendes Verhalten etc. Spezielle Interventionsformen wurden für Familien entwickelt, deren Kinder sich in einer besonderen Situation befinden, wie körperliche Behinderungen, alle möglichen Arten von Krankheiten, Hyperaktivität u. a. Auch für Familien, deren Kinder misshandelt oder vernachlässigt wurden, sind besondere Programme vorhanden. Ferner gibt es Programme für Eltern, die Kinder adoptiert haben oder in naher Zukunft adoptieren wollen, sowie für Eltern, die eine Pflegschaft innehaben bzw. übernehmen wollen.

Prototypische Beispiele für solche Programme sind z. B. "Deviant Children: A Clinician`s Manual for Assessment and Parent Training" von R. A: Barkley, das detaillierte Instruktionen für den Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern zwischen 2 und 12 Jahren gibt, oder "Parenting the Strong-Willed-Child: The Clinically Proven Five-Week Program for Parents of Two-to-Six-Year-Olds" von R. L. Forehand und N. Long, ein Programm, das auf einer Forschungsarbeit von 30 Jahren beruht und das an Eltern adressiert ist, deren Kinder elterliche Anweisungen nicht befolgen.


I.3 Programme zur Bewältigung von Übergängen in der Familienentwicklung

Einen besonderen Stellenwert weisen Programme auf, die auf Transitionen fokussieren (vgl. im Überblick Fthenakis & Eckert, 1997). Neben den bekannten Schwangerschafts- und Geburtsvorbereitungskursen gewannen in den neunziger Jahren Interventionsprogramme betreffend den Übergang zur Elternschaft an Bedeutung, wie z. B. das "Becoming a Family Project" von C.P. Cowan und Ph. Cowan sowie das "DFV-Elternbildungsprogramm", das eine Anpassung und Weiterentwicklung des Programms von Cowan & Cowan darstellt (Fthenakis, Eckert und von Block, 1999). Beide Programme werden in Gruppen angewandt. Barbara Reichle hat 1999 das Programm für Multiplikatoren mit dem Titel "Wir werden Familie - ein Kurs zur Vorbereitung auf die erste Elternschaft" vorgelegt, das ebenfalls auf diese Phase des Familienentwicklungsprozesses fokussiert.

Auch weitere Übergänge im Familienentwicklungsprozess stellen Ebenen familialer Intervention dar. Allein zur Bewältigung der mit einer Trennung, Scheidung bzw. Wiederheirat zusammenhängenden Aufgabenstellungen liegen in der internationalen Literatur über 500 Interventionsprogramme vor. Stellvertretend sei hier auf das Gruppeninterventionsprogramm für Kinder mit getrennt lebenden bzw. geschiedenen Eltern von Fthenakis et al. (1995) bzw. auf das Programm "Stepping Together - Creating Strong Stepfamilies" von E.B. Visher und J. S. Visher verwiesen. Interventionsansätze dieser Art sollen der Familie bzw. den einzelnen Familienmitgliedern helfen, die mit speziellen Transitionen zusammenhängenden Aufgaben zu bewältigen.


I.4 Programme zur Förderung von Partnerschaft

Andere Ansätze wiederum intendieren die Stärkung von Partnerschaften. In diesem Zusammenhang kann auf das von H.J. Markman bereits zu Beginn der 80er Jahre entwickelte "Premarital Relationsship Enhancement Program" (PREP) hingewiesen werden, das im deutschsprachigen Gebiet seine Anpassung im EPL ("Ein partnerschaftliches Lernprogramm") von Hahlweg et al. gefunden hat. Letzteres will die Kommunikationsfähigkeit von Paaren fördern und spezielle Kompetenzen trainieren. Von besonderem Interesse ist auch das sog. Reziprozitätstrainigs-Programm von Schindler, Hahlweg und Ravenstorf (1998), das in 15 Sitzungen Reziprozität, Kommunikation und Konfliktlösung fördern will. In ähnliche Richtung geht auch das Programm von S. Heitler (Heitler & Singer, 1997): "The Power of Two. Secrets to a Strong & Loving Marriage". Andere Programme wiederum wenden sich an Paare, die ihre Beziehung nach dem Auszug der Kinder in der sog. "Empty-Nest-Phase" stärken wollen. Hier ist das von D. Arp und C. Arp vorgelegte Programm "The Second Half of Marriage. Facing the Eight Challenges of Every Long-Term Marriage" zu erwähnen. John Gottman von der University of Washington in Seattle hat 1999 als Ergebnis langjähriger Forschung ein Programm publiziert, das sich zur Stärkung der Partnerschaftsqualität in vorzüglicher Weise eignet. Aus dem deutschsprachigen Gebiet ist - neben den Arbeiten von Hahlweg und seinen Mitarbeitern - vor allem das vor kurzem veröffentlichte Programm von Guy Bodenmann "Kompetenzen für die Partnerschaft - Freiburger Stresspräventionstraining für Paare" zu nennen, das eine systematische Förderung der Kompetenzen intendiert, die sich in der Forschung für die Stabilität und Qualität von Partnerschaft als relevant erwiesen: "...die Art und Weise, wie Paare im Alltag Stress bewältigen können, wie sie angemessen miteinander zu kommunizieren in der Lage sind und wie es ihnen gelingt, effizient Problem im Alltag zu lösen".


I.5 Programme zur Stärkung des Systems Familie

In der letzten Zeit interessiert sich die Interventionsforschung nicht nur für das einzelne Individuum, nicht nur für die Förderung der Paarbeziehung, sondern insbesondere für die Stärkung des Systems Familie. Stellvertretend für diesen Schwerpunkt sei hier auf die Arbeit von Froma Walsh hingewiesen, die 1998 ein Programm ("Strengthening Family Resilience") vorgelegt hat, das auf die Familie fokussiert und ihr helfen soll, Widerstandskraft zu entwickeln bzw. sie zu befähigen, Krisen und Brüche zu bewältigen. Das Programm dient der Stärkung der Organisation, der Kommunikation und der Überzeugungssysteme einer Familie.


I.6 Programme zur Förderung von Elternschaft

Ein weiterer Bereich in der Programmlandschaft beinhaltet Programme zur Förderung engagierter bzw. kompetenter Elternschaft. Im Norden der USA z.B. kommen gegenwärtig in diesem Bereich über 560 Programme zur Anwendung, mit einer starken Tendenz zu Kommerzialisierung (Fthenakis & Eckert, 1997). Eines der bekanntesten Programme ist das "Parent Effectiveness Training (PET)" von T. Gordon (Gordon, 1970. 1989); das in Deutschland unter dem Titel "Familienkonferenz" bekannt wurde. Das Programm bezieht sich vorwiegend auf die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, die häufig durch Konflikte belastet sind. Grundlegende Idee ist der Aufbau einer "partnerschaftlichen", d.h. machtfreien Eltern-Kind-Beziehung.

Ein weiteres erfolgreiches Elterntrainings-Programm ist das "Systematic Training for Effectice Parenting (STEP)" von D. Dinkmeyer & G. D. McKay (1997), das sich mit vier Schwerpunkten an Eltern mit Kindern unter 3 Jahren, mit Kindern im vorschulischen, im schulischen Alter und in der Pubertät wendet. Es unterstützt Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder zu selbständigen und selbstbewussten Erwachsenen und vermittelt effektive Elternfertigkeiten, die in wöchentlichen Sitzungen trainiert werden.

Eine besondere Stellung innerhalb der Programmlandschaft von Elternangeboten nimmt das "Early Childhood Parenting Skills (ECPAS) Program" von Richard Abidin (Abidin, 1996) ein, das gleichfalls der Erweiterung von Elternkompetenzen dient. Es basiert auf den Ergebnissen entwicklungspsychologischer und interventionsbezogener Forschung und integriert Aspekte bereits erprobter Programme. Auch dieses Programm stellt einen der Eckpfeiler des Bremer Familienbildungsangebotes dar.


II. THEMATISCHE SCHWERPUNKTE UND ORGANISATION DES BFB - PROGRAMMS

II.1 Thematische Schwerpunkte

Das BFB-Programm ist präventiv orientiert und weist zwei thematische Schwerpunkte auf: (1) Informationen für Paare und Familien und (2) Professionalisierung der Fachkräfte sowohl in den Einrichtungen der Jugendhilfe als auch in denen der Familienbildung.


Ad (1) Vermittlung von Informationen

Das Online-Handbuch der Familienbildung

Das Online-Handbuch der Familienbildung beinhaltet:
  • Fachbeiträge (z. B. zur Entwicklung des Kindes, zu Mutterschaft und Vaterschaft, zu bestimmten Erziehungsfragen etc.). Es ist beabsichtigt, in drei Jahren über 500 Beiträge zu allen wesentlichen Fragen der Erziehung und Bildung von Kindern im Alter zwischen 0 und 14 Jahren ins Netz zu bringen.
  • In einem weiteren Schwerpunkt werden aktuelle Fragen aufgegriffen, die von den Familien an die Redaktion gerichtet werden. Das Online-Handbuch wird die Eltern zur Mitwirkung auffordern und sie bitten, gewünschte Themen einzubringen.
  • Fragen der Partnerschaft über alle Phasen des Familienentwicklungsprozesses stellen einen weiteren Schwerpunkt des Online- Handbuchs dar.
  • Schließlich wird ein Dialog mit der Politik online eröffnet, in dem Politiker ihren Standpunkt zu aktuellen familienpolitischen Themen vertreten und in Dialog mit den Familien treten können.

Dieser Programmschwerpunkt lässt sich in drei Phasen einteilen:
  • Die Entwicklungsphase, in der die thematische Konzeptualisierung sowie die Gewinnung von Autoren erfolgt
    (Dauer ca 6 Monate Monate),
  • die Phase der Realisierung, während der die Beiträge angefertigt und ins Netz gebracht werden,
    (Dauer 18 Monate) sowie
  • eine Evaluationsphase, in der das Angebot überprüft und angepasst wird.
    (Dauer ca 12 Monate)

Ad (2) Die Professionalisierung der Fachkräfte der Familienbildung und der Jugendhilfe

Ausbildung von Multiplikatoren

In diesem Teil des BFB-Programms werden Fachkräfte der Einrichtungen der Jugendhilfe und der Familienbildung bzw. affiner Institutionen in ein intensives Programm der Professionalisierung einbezogen werden. Ziel dieses Programmteils ist, die Fachlichkeit in der Familienbildung zu stärken und Multiplikatoren auszubilden, die eine Umsetzung der Programme auf breiter Basis gewährleisten werden.

Thematische Schwerpunkte dieses Programmteils sind:
  • Förderung elterlicher Kompetenz
    Das Programm von Richard Abidin (ECPS) wird als Grundlage zur Stärkung elterlicher Erziehungskompetenz Verwendung finden. Das Programm besteht aus drei Teilbereichen:
    • Der erste Teil beinhaltet Hinweise zur Anwendung des ECPS und geht insbesondere auf die Arbeit mit unterschiedlichen Familienformen ein.
    • Der zweite Teil besteht aus 19 Sitzungen, in denen verschiedene Themenkomplexe bearbeitet werden, wie z. B. Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit, Aufbau und Stabilisierung der Eltern-Kind-Beziehung, Umgang mit Emotionen, Umgang mit kindlichen Verhaltensweisen, Fragen von Disziplin etc.
    • Der dritte Teil stellt eine Erweiterung des Programms um 5 weitere Sitzungen dar, die Vorträge und Workshops zu bestimmten Themen beinhalten, wie z. B. besondere Erziehungsmaßnahmen für auffällige Kinder, Nutzung sozialer Unterstützungssysteme, Kommunikation und Kooperation mit Fachkräften der Einrichtungen etc.
  • Präventive Intervention im Familienentwicklungsprozess: Übergang zur Elternschaft
    Als Grundlage für diesen thematischen Schwerpunkt dienen folgende Programme:
    • das von Cowan & Cowan (1992) entwickelte und evaluierte Programm "Becoming a Family Project", das in Gruppen durchgeführt wird und Familien im letzten Drittel der Schwangerschaft aufnimmt und bis zum sechsten Monat nach der Geburt des Kindes begleitet.
    • Darauf aufbauend wurde von Fthenakis et al. (1998) das DFV-Familienbildungsprogramm entwickelt, das Familien von der Schwangerschaft bis zum vierten Lebensjahr des Kindes begleitet.
    • Schließlich wird das von Barbara Reichle 1999 vorgelegte Programm "Wir werden Familie - Ein Kurs zur Vorbereitung auf die erste Elternschaft" einbezogen. Auf der Grundlage dieser Programme sollen die Institutionen der Jugendhilfe befähigt werden, Familien präventiv helfen zu können.
  • Förderung von Partnerschaftsqualität
    Als Grundlage für diesen thematischen Schwerpunkt dienen drei Programme:
    • Das Reziprozitäts-Training von Schindler, Hahlweg und Ravenstorf (1998):
      Das Programm umfasst insgesamt 15 Sitzungen. Die ersten vier dienen der Verhaltens- und Bedingungsanalyse, die 5. Sitzung der Reziprozität, zwei weitere ( 6. und 7. Sitzung) der Förderung von Kommunikation und die weiteren 8 Sitzungen (8. mit 15. Sitzung) der Konfliktlösung.
    • Das Programm von John Gottman:
      Es handelt sich um ein exzellentes Programm zur Förderung von Partnerschaftsqualität, das auf sieben Prinzipien aufbaut und etwa in voller Länge zwischen 15 und 20 Sitzungen beansprucht. In diesem Programm sind neueste Forschungserkenntnisse integriert und es ist von hohem Wert für die mit Familienbildung und -intervention befassten Dienste und Einrichtungen.
    • Das Programm von Guy Bodenmann:
      Dieses Programm beinhaltet 6 Module:
      (a) Im ersten Modul wird der Trainer in die Thematik Stress und dessen Ursachen eingeführt;
      (b) im zweiten Modul steht die Optimierung des individuellen Umgangs mit Stress im Vordergrund (Möglichkeiten des Umgangs mit Stress, Entspannungstechniken, Vermeidung von unnötigem Stress, Auf- und Ausbau eines hedonistischen Repertoires);
      (c) das dritte Modul befasst sich mit der Optimierung der Stressbewältigung als Paar (Fragen wie Stressbewältigung als Paar, Verbesserung der Wahrnehmung von Stress beim Partner, Umgang mit nonverbalem Stress, angemessene Mitteilung und gemeinsame Bewältigung von Stress stehen hier im Mittelpunkt);
      (d) im vierten Modul steht die Verbesserung der Kommunikation in der Partnerschaft und der Umgang mit partnerschaftsbezogenem Stress im Vordergrund (Positivität und Negativität in der Kommunikation zufriedener und unzufriedener Paare, Reziprozität, Inkonsistenzen und geringere Öffnung in der Kommunikation unzufriedener Paare etc.);
      (e) Gerechtigkeit und Fairness in der Partnerschaft bilden den Schwerpunkt im fünften Modul (was bedeuten Grenzen in der Partnerschaft, Gerechtigkeit und Fairness in der Partnerschaft) und schließlich
      (f) im Modul sechs werden effektive Problemlösungsansätze zur Stressreduktion im Alltag vermittelt.
  • Stärkung von Familien
    In Zeiten, in denen Familien besonderen Herausforderungen ausgesetzt sind, die zu deren Destabilisierung beitragen, sind Programme zur Stabilisierung von Familien von besonderer Bedeutung. Bestandteil des Professionalisierungsprogramms der Fachkräfte soll deshalb auch das von Froma Walsh entwickelte Programm zur Stärkung von Familien sein. Wie bereits erwähnt, weist dieses Programm drei thematische Schwerpunkte auf: Optimierung der Organisation, Förderung der Kommunikation in der Familie sowie Stärkung des familialen Wertesystems.

Gleichzeitig werden die Fachkräfte allgemein über weitere Programme informiert, die in verschiedenen Lebenslagen von Familien Anwendung finden. So z. B. bei Trennung und Scheidung, bei Wiederheirat, Verwitwung bzw. bei der Bewältigung anderer Transitionen im Familienentwicklungsprozess, etwa infolge plötzlicher Arbeitslosigkeit, der Empty-Nest-Problematik oder des Übergangs ins Rentenalter.

Die Professionalisierung der Fachkräfte durch Förderung ihrer Fachlichkeit auf diesem Gebiet ist das erklärte Ziel dieses Schwerpunktes.

Dieser Programmteil, ebenfalls auf drei Jahre projiziert, wird eine Phase der Professionalisierung der Fachkräfte (Dauer ca 12 Monate), eine Anwendungsphase von ca. 12 Monaten und eine Evaluationsphase von ebenfalls 12 Monaten aufweisen.

In der Phase der Professionalisierung sind 8 Wochenend-Veranstaltungen, d. h. insgesamt 16 Arbeitstage vorgesehen. Ziel dieser Intervention ist die Schulung von ca. 50 bis 60 Multiplikatoren, die die Anwendung der Programme verantworten sollen. Neben den Inhalten und der Technologie der Programme werden auch Kenntnisse der Entwicklungspsychologie und der Familienforschung sowie der Evaluationsforschung vermittelt.


II.2 Organisation des BFB-Programms

Die Vermittlung des 1. Schwerpunktes (Online-Handbuch der Familienbildung) erfolgt primär durch das Internet. Es werden jedoch neue Wege beschritten, wenn es darum geht, die Familien und die Partner rechtzeitig und flächendeckend zu erreichen. Neben einer attraktiven Gestaltung der Angebote, der Beteiligung von Familien an der thematischen Gestaltung und der Gewinnung von profilierten Autoren für die einzelnen Beiträge soll durch aktive Mitwirkung der Politik ein Dialogfeld mit den Familien eröffnet werden, in dem aktuelle Themen der Familienbildung und -politik erörtert werden.

Von zentraler Bedeutung ist die Frage, wie man alle Familien möglichst früh erreicht, damit sie präventiv von den genannten Angeboten Gebrauch machen können. Das BFB-Programm will hierbei neue Vermittlungswege gehen.
  • Es werden alle Frauenärzte in Bremen in das Programm einbezogen.
    In zwei Veranstaltungen werden sie informiert und ein eigens hierfür entwickeltes Informationsblatt wird ihnen zur Verfügung gestellt, mit dessen Hilfe Frauen und Männer auf das BFB hingewiesen werden. Dieser Vorgehensweise liegt die Überlegung zugrunde, dass es die Frauenärzte sind, die zu einem frühen Zeitpunkt der bevorstehenden Elternschaft konsultiert werden. Zudem besuchen alle Frauen, unabhängig von ihrem Bildungsniveau, einen Frauenarzt.
  • Ein ähnliches Programm soll für Kinderärzte entwickelt werden.
    Dies ist deshalb erforderlich, da theoretisch durch den Umzug von Familien mit Kleinkindern die Frauenärzte der Region nicht konsultiert wurden.
  • Die Einrichtungen der Jugendhilfe sollen an der Informierung der Eltern beteiligt werden.
  • Kirchengemeinden und andere Institutionen werden Eltern auf das Angebot aufmerksam machen.
  • An den Kassen von Großmärkten, Kaufhäusern etc. werden den Kunden Informationsblätter mit Hinweisen auf das Angebot ausgehändigt.
  • In Kooperation mit Printmedien soll auf dieses Angebot hingewiesen werden.
  • Lokale Fernsehanstalten werden bei der Informationsvermittlung miteinbezogen werden.
  • Einige Journalisten werden gebeten, das BFB-Programm zu begleiten und kontinuierlich zu berichten.
  • Jährlich soll in einer Pressekonferenz, an der auch Eltern teilnehmen sollen, der Öffentlichkeit über das Programm berichtet werden.
  • Einmal im Jahr wird mit den beteiligten Institutionen über den Fortlauf des Programms beraten.

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Folien zum Konzept "Online-Familenhandbuch" sind hier erhältlich


Presseberichte

Artikel erschienen im Weser Kurier am 09.01.2000:

Erziehungsgutscheine für ratlose Eltern

CDU schlägt Projekt vor / Ziel: In Seminaren lernen, mit den Wutanfällen der Kinder umzugehen

Von unserem Redakteur Horst Frey

Erziehungs- und Bildungsgutscheine für Eltern will die CDU-Fraktion in der Bürgerschaft vorschlagen. Die jugendpolitische Sprecherin der CDU, Silke Striezel, stellte gestern das Projekt den Journalisten vor. "Vor dem Hintergrund des neuen Gesetzes, das Gewalt in der Erziehung verbietet, müssen wir den Eltern auch sagen, wie es ohne sie geht", so Striezel. Professor Wassilios Fthenakis, Direktor des Staatsinstitutes für Frühpädagogik, München, hat das Elternbildungskonzept entwickelt.

Es geht darum, den Eltern mehr Erziehungskompetenz zu vermitteln. Dies kann in Seminaren geschehen, in denen Eltern lernen, mit den Wutanfällen ihrer Sprösslinge fertig zu werden. Für diese Seminare soll es Gutscheine geben. "Eltern sind heute großen Belastungen ausgesetzt, es gibt viel mehr Brüche in den persönlichen Entwicklungen", erklärte der Münchner Professor seine Überlegungen. Zu wenig würden Jugendliche auf ihre spätere Rolle als Eltern vorbereitet.

Sein Konzept richte sich an Familien und an Partnerschaften. Er führt eine Reihe neuerer Forschungen an, die in der Endphase des Projektes in einem Internet-Handbuch nachzulesen sein werden. Zunächst, in der ersten Stufe, sollen die Hort- und Kindergartenleiter und -leiterinnen geschult werden. Das soll in einem Zeitraum von einem Jahr geschehen. Diese sollen danach die Familien ansprechen. Kirchen, Verbände und Behörden beteiligen sich ebenfalls. Keineswegs ist daran gedacht, die Erziehungsberechtigten einseitig zu "beschulen", man möchte vielmehr deren Erfahrungen aufnehmen.

Die Erkenntnisse fließen in das Internet-Handbuch ein, das dann bundesweit Verbreitung finden soll. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt; beteiligt sind die Bundesländer Bremen und Bayern. Die Kosten sind noch unklar. Wenn man, wie Professor Fthenakis von 20 bis 25 Prozent aller Familien ausgeht, kommen etwa 500 000 Mark zusammen, wurde geschätzt. Als Bildungsträgerin biete sich die Evangelische Kirche an, die über 30 Prozent der Bremer Horte und Kindergärten unterhält, berichtet die Geschäftsführerin des Landesverbandes Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder, Ilse Wehrmann. "Die notwendigen Mittel können durch Umschichtung dem Erziehungshilfe-Etat entnommen werden", ist sich Silke Striezel sicher. Fthenakis erklärte, er habe bereits den CDU-Fraktionsvorsitzenden Jens Eckhoff von seinem Projekt überzeugen können.


Artikel erschienen in der TAZ Bremen am 09.01.2000:

Nachhilfe für rabiate Eltern

Bremer CDU plant Erziehungsgutscheine

Seit Anfang diesen Jahres wird "Gewalt in der Erziehung" offiziell im BGB geächtet. "Aber", so Silke Striezel, jugendpolitische Sprecherin der CDU, "man muss den Leuten doch auch etwas anbieten." Gemeinsam mit Ilse Wehrmann, Chefin der evangelischen Kindergärten in Bremen und Wassilios Fthenakis, Direktor des Münchner Staatsinstitutes für Frühpädagogik, stellte sie gestern das Projekt "Bildungsangebote für Familien" vor, das durch Umschichtungen im bremischen Erziehungshilfeetat finanziert werden soll.

Dazu gehört die Entwicklung eines Online-Handbuchs. In drei Jahren sollen rund 500 Beiträge im Netz über Probleme von der Windel bis zur Pubertät elterngerecht aufklären. Es schlägt allein mit einer halben Million Mark zu Buche, die aber auch aus Bundesmitteln bestritten werden soll.

Neben der "niedrigschwelligen Hilfe im Internet" plädierte Striezel für eine stärkere Nutzung der vorhandenen Strukturen. Schon im Laufe diesen Jahres wollen die Kindergärten mit einer "Bildungsoffensive für Eltern" ihren Betreuungsauftrag ausdehnen. Als "Einstieg in ein vielschichtiges Hilfsangebot" plant die CDU außerdem, dem Elternbrief, den jede Familie regelmäßig zugeschickt bekommt, mit Gutscheinen auszustatten. Damit können dann Seminare etwa zur Konfliktbewältigung oder andere Hilfen kostengünstig in Anspruch genommen werden.

hey


Artikel erschienen beim EPD Bremen am 08.01.2000:

Eltern lernen mit Bildungsgutscheinen

Bremer Modellprojekt soll Erziehungskompetenz stärken

Bremen (epd). Die CDU und die Bremische Evangelische Kirche (BEK) wollen mit Bildungsangeboten die Erziehungskompetenz der Eltern im Bundesland Bremen stärken. Zu dem Modellprojekt, das der Münchner Erziehungswissenschaftler Wassilios Fthenakis am Montag in der Hansestadt vorgestellt hat, gehören staatliche Bildungsgutscheine. Mit ihnen können Eltern Seminare bezahlen, in denen sie lernen, wie sie ohne Gewalt mit den Wutanfällen ihrer Jüngsten oder den Problemen Pubertierender fertig werden.

Das Projekt "Bildungsangebote für Familien" könne durch Umschichtungen im bremischen Erziehungshilfeetat finanziert werden, sagte die jugendpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Silke Striezel. Die Kosten stehen allerdings noch nicht fest. Das Konzept allein kostet 500.000 Mark. Fthenakis will mit der Bildungsinitiative neben den bestehenden Finanzhilfen, Versorgungs- und Betreuungsangeboten eine dritte Säule der Familienpolitik begründen.

Der Direktor des Staatsinstitutes für Frühpädagogik in München denkt auch an ein begleitendes "Online-Handbuch" im Internet: Bis Juni 2003 sollen rund 500 Fachbeiträge aus der Medizin bis zur Pädagogik ins weltweite Netz gestellt werden, in denen Eltern Antworten auf ihre Fragen finden. Laut Fthenakis will sich Bayern neben Bremen an dem Projekt beteiligen.

Über Frauen- und Kinderarzte, Einrichtungen, Kirchengemeinden und mit Infoblättern in Supermärkten sollen die Eltern von der bundesweit einmaligen Initiative erfahren. Die Gutscheine könnten mit einem so genannten "Elternbrief" verschickt werden, den in Bremen seit Jahren schon jede Familie bekommt, schlug Striezel vor. Sie hofft, dass die Bremische Bürgerschaft das Projekt noch im Laufe dieses Jahres absegnet.

Als Bildungstrager haben sich die Kindergärten der BEK und die Caritas sowie die Bildungswerke der beiden großen Kirchen angeboten. Die Schulung der Fachkräfte für die Elternseminare soll in den nächsten Monaten beginnen. Fthenakis schätzt, dass es in rund 24 Prozent der bremischen Familien einen "Beratungsbedarf" gibt. Von Bildung und Erziehung werde es wesentlich abhangen, ob die heranwachsenden Generationen den Ansprüchen, Herausforderungen und Belastungen der Zukunft gewachsen seien, betonte er.

(epd Niedersachsen-Bremen/2/8.1.2001)