Wassilios Emmanuel Fthenakis
Die Rolle des Vaters in der Familie
Familienforscher Wassilios Fthenakis fordert eine kinderfreundliche Infrastruktur und flächendeckende Beratungsstellen für Eltern

Projektleitung: Prof. Dr. Dr. Dr. W. E. Fthenakis

Projektmitarbeiter: Dr. Beate Minsel, Dipl.-Psych. Uta Deppe


Die Studie soll die Vaterrolle im Familienentwicklungsprozess sowohl aus der Sicht der Väter als auch aus der Sicht der Partnerinnen und Kinder untersuchen.

Vorstellungen über die Vaterrolle entwickeln sich bereits lange bevor Menschen selbst Eltern werden. Die Vorstellungen orientieren sich z. B. an den Erfahrungen mit dem eigenen Vater oder an Beobachtungen in anderen Familien. Rahmenbedingungen, die auf die Vorstellungen Einfluss nehmen, sind z.B. die Geschlechtsrolleneinstellungen, die Ziele, die man in seinem Leben verfolgt, Belastungen durch die Arbeitswelt, ob die Frau (auch) berufstätig ist, die Partnerschaftsqualität oder der Bildungsstand.

In Übergangssituationen, z.B. wenn man das erste Kind erwartet, oder wenn die eigenen Kinder ins Jugendalter kommen und beginnen, sich vom Elternhaus abzulösen, wird besonders viel über die Vaterrolle nachgedacht - sowohl von den Männern selbst, die ihre eigene Rolle definieren, als auch von den Frauen, die Vorstellungen darüber entwickeln, wie sie ihren Partner als Vater wünschen. Deshalb wurden für die Untersuchung sowohl Paare, die sich in einer familiären Übergangssituation befinden, als auch solche, die sich nicht in einer Übergangssituation befinden, ausgewählt.

Das Vaterschaftskonzept wird in dieser Untersuchung auf verschiedenen Abstraktionsstufen erfasst:
  1. Auf einer generellen Ebene der Verantwortlichkeit - "Wofür sollte ein Vater zuständig sein, unabhängig davon, ob die Mutter es (auch) tut", z.B. "Das Geld für die Familie verdienen" oder "Bei Gelegenheiten, die für das Kind wichtig sind (z.B. erster Schultag), dabei sein".
  2. Auf der Ebene der idealen Aufgabenteilung bei kindbezogenen Aufgaben, z.B. "Wer in dieser Familie sollte das Kind abends ins Bett bringen - der Vater/ die Mutter / beide zu gleichen Teilen".
  3. Auf der Ebene der realen Aufgabenteilung bei kindbezogenen Aufgaben "Wer in dieser Familie tut es tatsächlich".
  4. Auf der Ebene der Tätigkeiten mit dem Kind an einem ganz bestimmten Werktag und an einem ganz bestimmten Sonntag, z.B. "Wann waren Sie am letzten Sonntag mit dem Kind zusammen?" und "Haben Sie sich am letzten Sonntag mit dem Kind in der Wohnung beschäftigt".

Es werden außerdem die Rahmenbedingungen erfasst, die das Vaterschaftskonzept sowie die väterliche Partizipation beeinflussen, z.B. die Lebensziele, kritische Lebensereignisse, die in den letzten zwei Jahren aufgetreten sind, die Beziehung zum eigenen Vater während der Kindheit, die Partnerschaftsqualität in der augenblicklichen Partnerschaft, Umfang und Art der Berufstätigkeit und Belastung durch die Berufstätigkeit, wie gut man Arbeit und Familie vereinbaren kann usw. Die Befragung richtet sich außerdem auf die Bekanntheit verschiedener familienpolitischer Leistungen und auf die Wünsche von Eltern hinsichtlich der Verbesserung familienpolitischer Leistungen.

Zur Befragung wurden vier für die BRD repräsentative Stichproben von deutschen Männern, die mit ihrer Partnerin im selben Haushalt zusammenleben, befragt nämlich
  1. 298 Paare, die zusammenleben, aber noch keine Kinder haben und auch noch kein Kind erwarten,
  2. 134 Paare, die das erste Kind erwarten,
  3. 272 Paare, deren erstes Kind demnächst eingeschult wird, und
  4. 333 Väter und ihre jugendlichen (ältesten) Kinder (11- bis 17-jährige).

Stichprobe 2 wird drei mal befragt, nämlich vor der Geburt, wenn das Kind 6 Monate alt ist und wenn das Kind 18 Monate alt ist. Mit den Daten kann man prüfen, ob und ggf. wie sich das Vaterschaftskonzept verändert und inwieweit die Idealvorstellungen über väterliche Partizipation in die Realität umgesetzt werden, sowie welche Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass die Väter sich mehr oder weniger an kindbezogenen Aufgaben beteiligen.

Stichprobe 3 wird zwei mal befragt, nämlich kurz vor der Einschulung des Kindes und 6 Monate nach Schulbeginn. Hier wird überprüft, inwieweit die Übergangssituation des Kindes (Schuleintritt) auch für die Eltern eine Übergangssituation darstellt.

Die Männer und Frauen der Stichprobe 1 und die Väter und Jugendlichen der Stichprobe 4 werden einmal befragt.

Aus dem Querschnittsvergleich (erste Befragung aller 4 Stichproben) wird ein generelles Bild der Entwicklung der Vaterrolle von vor der ersten Schwangerschaft bis zum Jugendalter des ersten Kindes nachgezeichnet. Die längsschnittliche Betrachtung der Stichproben 2 und 3 erlaubt darüber hinaus eine genauere Analyse der Bedingungen, die zu unterschiedlichen Entwicklungen führen.

Einige interessante Ergebnisse:
  1. Im Vaterschaftskonzept lassen sich drei Bereich voneinander unterscheiden, nämlich
    • a)"Der Vater als Brotverdiener" (z.B.: "Das Geld für die Familie verdienen"),
    • b)"Was der Vater für das Kind tut", also die instrumentelle Funktion des Vaters (z.B.: "Auf eine gesund und ausgewogene Ernährung des Kindes achten") und
    • c)"Was der Vater mit dem Kind tut", also die soziale Funktion des Vaters (z.B.: "Offen sein für Probleme des Kindes").
    In allen untersuchten Gruppen wird die soziale Funktion für die wichtigste gehalten. Die Brotverdienerfunktion wird von den Erwachsenen als am wenigsten wichtig eingeschätzt. Die Jugendlichen finden die instrumentelle Funktion am wenigsten wichtig. Das Vaterschaftskonzept ändert sich im Lebenslauf nur wenig. Werdende Väter finden alle drei Vater-Funktionen besonders wichtig. Hier spiegelt sich die Auseinandersetzung mit der neuen Rolle als Vater in der Übergangssituation zur Vaterschaft.
  2. Befragt man die Paare nach der idealen Aufgabenteilung, so kann man feststellen, dass die meisten die Aufgaben im Haushalt sowie die kindbezogenen Aufgaben zu gleichen Teilen übernehmen wollen. In der Realität werden allerdings die meisten Aufgaben so verteilt, dass entweder die Frau oder der Mann sie übernimmt. Je stärker diese Differenzierung ausfällt, also je weniger Aufgaben tatsächlich zu gleichen Teilen verteilt sind, um so größer ist die Unzufriedenheit mit der Aufgabenteilung. Die reale Aufgabenteilung entspricht bei Paaren ohne Kinder noch weitgehend der idealen Aufteilung. Wenn das Paar Kinder hat, tritt eine Traditionalisierung ein: Die Frau kümmert sich vor allem um Haushalt und Kinderbetreuung, während der Mann für das Geldverdienen zuständig ist.
  3. Die Erziehungseinstellungen von Vätern und Müttern lassen sich bis zu einem gewissen Grade aus den Erfahrungen, die sie selbst als Kinder mit ihren eigenen Eltern gemacht haben, voraussagen. Eltern, die selber Väter hatten, die häufig gestraft haben und wenig liebevoll waren, gelingt es weniger gut ihren eigenen Kindern gegenüber ein unterstützendes Verhalten zu verwirklichen. Eltern, die ein schlechtes Verhältnis zu ihren eigenen Vätern hatten oder deren Eltern untereinander eine problematische Beziehung hatten, haben außerdem in ihrer eigenen Ehe häufiger Streit.

Ein ausführlicher Bericht über das Projekt ist hier zum Download verfügbar.
Ein Zwischenbericht ist ebenfalls verfügbar.