Wassilios Emmanuel Fthenakis
Familienpolitik braucht undogmatische Impulse
Kritik des Familieforschers Wassilios Fthenakis auch an kommunalen Versäumnissen - Gute Ansätze am Bodensee begrüßt

Artikel erschienen in der Zeitschrift "Südkurier Friedrichshafen" Nr. 4/2001

(Tettnang/München/dml) Das jahrzehntelange Ignorieren der gesellschaftlichen Entwicklung und den Missbrauch des Themas Familie zu parteipolitischen Zwecken wirft der Leiter des Münchener Staatsinstituts für Frühpädagogik, Professor Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis, den Politikern quer durch die politischen Lager vor. Die schlimmsten Fehler und Versäumnisse in der Familiepolitik seien nicht im Parlament, sondern vom Bundesverfassungsgericht korrigiert worden. Auf kommunaler Ebene bestehe großer Nachholbedarf bei Kinderbetreuung und Familienbildung, bei Angeboten im bevölkerungsgerechten Wohnungsbau und der Neuordnung der Familienberatung. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER zog der Leiter der Forschungseinrichtung des Bayrischen Sozialministeriums zum Jahreswechsel Bilanz und machte Vorschläge für die Kommunalpolitik der Region.

In den letzten Jahrzehnten habe es einen strukturellen Wandel gegeben, der im Rückgang der Bedeutung herkömmlicher Familien und in einer Vielfalt der Formen des Zusammenlebens zum Ausdruck komme. Die Zahl derjenige, die eine Familie gründen wollen, nehme stetig ab. Zwischen 36 und 40 Prozent der Ehen würden heute geschieden. Die Motivation zu Partnerschaft und Ehe habe sich stetig gewandelt. Bis zum Beginn de s20. Jahrhunderts hätten Partnerwahl und Heirat noch vorrangig zur Sicherung von Vermögen und Status gedient. Danach sei die kindzentrierte Familie entstanden, in der die biologische Fortpflanzung von beziehungsstiftender Bedeutung war.

Seit dem Entstehen der partnerzentrierten Familie in der Nachkriegszeit werde in der Partnerschaft vor allem die Erfüllung des persönlichen Lebensglücks in einer auf Dauer angelegten Partnerschaft gesucht. Sobald eine Beziehung diesem Ziel nicht mehr gerecht werde, gehe heute die Tendenz sogar dahin, de Partner einfach auszutauschen. Die fehlende Stabilität und die Wechsel in der Familienstruktur, die sich aus dieser Entwicklung ergeben, stelle alle Familienmitglieder vor Aufgaben, auf die sie nicht vorbereitet seien. Das führe zu einer psychischen Belastung aller Beteiligten, der geringeren Stabilität des Familienverbands und einer größeren Belastung der Frauen.

Richtig verstandene Familienpolitik müsse die Sorgen und Bedürfnisse der Familien in den Mittelpunkt stellen und Forderungen, die sich daraus ergeben, an die anderen Politikbereiche adressieren. In der Vergangenheit sei genau umgekehrt verfahren worden. Es seien Aspekte im Bereich sozial-, Finanz-, Wohnungsbau-, Frauen- oder Kinderpolitik als familienpolitische Forderungen benannt worden und dabei sei es häufig geblieben. Diese schwache Leistung sei durchgängig und unabhängig von der parteipolitischen Zusammensetzung der Regierungen. In den letzten 20 Jahren habe nicht die jeweilige Regierung die Familienpolitik entworfen, sondern das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Es sei an der Zeit, so der Entwicklungspsychologe, dass die Politiker endlich Verantwortung übernehmen und es nicht den Richtern überließen, neue Akzente zu setzen. In den Köpfen der Menschen habe eine sanfte Revolution stattgefunden, die von der Politik einfach ignoriert werde. Deshalb berücksichtige der Gesetzgeber auch nicht Untersuchungen, die nicht Macht oder Broterwerb als wichtigste Aufgabe der Väter benenne, sondern die soziale Funktion, also die Erziehungsaufgabe.

Kommunen seien in ihrem Spielraum eingeschränkt, weil Bundes- und Landesgesetze ihnen den Handlungsrahmen vorgeben. Trotzdem gebe es viele familiepolitische Ansätze, die auf kommunaler Ebene entwickelt werden könnten. Raum für Kinder und Familien zu schaffen sei eine städtebauliche und planerische Aufgabe der Kommunen. Die Angebote zur Familienbildung, durch die alle Familienmitglieder Kompetenz zur Lösung offener Fragen erhalten, seien ausbaufähig. Große Defizite gebe es mit Kindern bis drei Jahre und für Schulkinder außerhalb des Schulbereichs. Besonders wichtig sei, dass Familien künftig in kommunale Planungen eingebunden würden und nicht zum Objekt von Verwaltungs- oder Ratsentscheidungen würden. Diese gesellschaftlichen Strukturveränderungen müssten das bisherige Versorgungsdenken ablösen.

Wie bereits bei seinem Vortrag auf dem Bürgerforum der Stadt Tettnang rief Fthenakis dazu auf, vorzubeugen und positive Entwicklungen zu fördern statt entstandene Probleme zu reparieren. So seien Tipps hilfreich, die im Kindergarten den Eltern mit gegeben würden. Bei der Geburt des ersten Kindes könnten Eltern von den Kinderärzten zu kostenlosen Wochenendkursen eingeladen werden, die von den Kommungen angeboten werden sollten. Dort könnten Techniken erlernt werden, wie in der Familie mit Spannungen und Ereignissen umgegangen werden könne, die als besonders belastend für die Familie und ihre Mitglieder bekannt seien, wie Kindergarten- oder Schuleintritt, die Geburt von Geschwistern oder der Weggang eines Familienmitglieds. Diese Prävention schaffe Zukunftsperspektive. Die jugend- und familienpolitischen Entwicklungen in Tettnang und die zunehmende Vernetzung des Jungendreferats Tettnang mit dem Kreisjugendamt Bodenseekreis sei hier ein ermutigender Ansatz.