Wassilios Emmanuel Fthenakis
Für die Zukunft unserer Kinder müssen wir handeln!
Familienforscher Wassilios Fthenakis fordert eine kinderfreundliche Infrastruktur und flächendeckende Beratungsstellen für Eltern

Kinder- und familiengerechte Gestaltung der Infrastruktur unseres Landes, Ausbau und verbesserte pädagogische Konzepte bei der außerfamilialen Betreuung unserer Kinder. Mit diesen Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthnakis, Leiter des Bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik. Jürgen Matheis und Gertrud Schmidt befragten den führenden Familienforscher Deutschlands.

Interview erschienen in der Zeitschrift "arbeitnehmer" im Heft 1/2002



arbeitnehmer: In Deutschland entscheiden sich immer weniger Menschen für Kinder. Wo sehen Sie die wesentlichen Gründe dafür? Hat die Familienpolitik in den letzten Jahren und Jahrzehnten versagt?

Prof. Fthenakis: Wir haben mit einem doppelten Problem zu tun: 30 Prozent der Frauen bleiben in Deutschland lebenslang kinderlos und immer weniger Ersteltern entscheiden sich für ein zweites Kind. In der längsschnittlich angelegten LBS-Familienstudie, die unter meiner Leitung seit sieben Jahren durchgeführt wird, konnten wir die Gründe nachweisen, die Mütter davon abhalten, ein zweites Kind zu bekommen: Die Geschlechtsrollenorientierung, die Erfahrung, die eine Mutter im Umgang mit dem erstgeborenen Kind gemacht hat, die Entlastung, die sie durch den Vater erfahren hat und die Verfügbarkeit einer außerfamilialen Betreuungseinrichtung waren die wichtigsten Faktoren für Mütter. Dagegen spielt für den Mann und Vater die Qualität der Partnerschaft eine Schlüsselrolle. Es sind demnach mehr prozessuale Aspekte und weniger ökonomisch-strukturelle, die die Realisierung des Kinderwunsches bedingen.

arbeitnehmer: Mittlerweile scheint es erste Anzeichen für ein Umdenken zu geben. Mit dem neuen Gesetz über Teilzeitarbeit haben Arbeitnehmer grundsätzlich das Recht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Wie bewerten Sie dies? Was könnte bzw. sollte man von Seiten des Staates zusätzlich noch tun?

Prof. Fthenakis: Von den Familien wird heute Flexibilität im Höchstmaß erwartet. Diese muss korrespondieren mit einer hohen Flexibilität in anderen Bereichen, vor allem in der Arbeitswelt. Das Gesetz über Teilzeitarbeit weist in die richtige Richtung. Dennoch wird es allein keine Veränderung im generativen Verhalten der Bevölkerung bewirken. Die Politik erkennt zunehmend, dass weder finanzielle Anreize allein, noch strukturelle Veränderungen die angemessene Antwort auf dieses zentrale Problem des Landes bringen können.

Vielmehr bedarf es einer qualitativ neuen Familienpolitik, die auf prozessuale Aspekte im Familiensystem fokussiert, zum Beispiel darauf, wie man Erstelternschaft begleiten und unterstützen kann, wie man Väter gewinnen kann für die stärkere Beteiligung an kind- und haushaltsbezogene Aufgaben usw. Das vor kurzem gestartete Projekt "Online-Familienhandbuch", eine Initiative Bayerns, die durch die Bundesministerin Frau Dr. Bergmann aufgenommen und finanziell gefördert wird, ist eine solche Maßnahme. Wir brauchen mehr Ansätze in dieser Richtung und mehr Betreuungsplätze von hoher Qualität für Kinder unter drei Jahren wie auch für Schulkinder. Und wir haben es in den zurückliegenden Jahren unterlassen, die Infrastruktur des Landes kinder- und familiengerecht zu gestalten. Auf notwendige und längst fällige Reformen in der Steuer und Rentenpolitik hat das Bundesverfassungsgericht wiederholt der jeweiligen Bundesregierung in den letzten 15 Jahren Nachhilfeunterricht erteilt, so dass man den Eindruck gewann, Familienpolitik wird mehr in Karlsruhe und weniger im Regierungsviertel gemacht.

arbeitnehmer: Wo stehen wir international gesehen? Gibt es Länder, die Vorbild auch für uns sein können? In welchen Bereichen?

Prof. Fthenakis: Andere Länder, wie zum Beispiel Schweden, haben früh genug ihre familienpolitische Konzeption nicht primär auf die Ehe, wie bei uns, sondern auf das Eltern-Kind-System orientiert. Sie haben Maßnahmen zur Gleichstellung von Mann und Frau früh eingeleitet und die Erwerbstätigkeit von Frauen nicht ideologisch belastet. Wir sind auf diesem Gebiet mehr einer Ideologie und weniger den Bedürfnissen von Familien und der gesellschaftlichen Realität gefolgt. Der Ausbau der außerfamilialen Betreuungsangebote ist vernachlässigt worden. Verglichen zu den meisten europäischen Ländern und nicht zuletzt begannen wir erst im letzten Jahr, Vaterschaft wie Mutterschaft als einen kulturellen Wert zu entdecken, und die Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung neu zu bewerten. Zu spät, wie ich meine. Eine Modernisierung der Familienpolitik ist ein dringendes Anliegen und es muss der Ministerin Dr. Bergmann bescheinigt werden, dass sie, wie nie zuvor, mutig und konsequent den Weg der Weiterentwicklung und Modernisierung der Familienpolitik beschritten hat.

arbeitnehmer: Die Vereinbarkeit von Erziehung und Beruf wird häufig auch durch die Anforderungen, die Betriebe und Verwaltungen an ihre Beschäftigten stellen, erschwert. Brauchen wir eine Änderung in den Unternehmenskulturen?

Prof. Fthenakis: Wie brauchen einen paradigmatischen Wechsel: Wir müssen die bisherige appellative Strategie verlassen, eine caritative Einstellung aufgeben und mit einer Zwei-Gewinner-Strategie arbeiten, die klar vermittelt, dass sowohl Familien als auch Betriebe von einer innovativen Familienpolitik profitieren. Appelle an die Wirtschaft für familienfreundliche betriebliche Politik haben nicht viel gebracht. Vielmehr gilt es ein Konzept zu entwickeln, das Familie und Betrieb als lernende und mit einander eng verbundene Institutionen begreift, die sich gegenseitig bedingen positiv wie negativ. Es muss also ein neues Gleichgewicht zwischen Unternehmen und Familie hergestellt werden. Wir sind heute - trotz mancher ermutigender Beispiele - noch weit davon entfernt.

Dafür muss die Philosophie der beiden (Betrieb bzw. Familie) getrennten Welten aufgegeben werden, eine neue Unternehmenskultur entwickelt werden, die den Menschen als Ganzes und nicht nur als Beschäftigten begreift und die Förderung von Basiskompetenzen als festen Bestandteil der Philosophie und Strategie des Unternehmens ansieht, die familialer Verantwortung die gleiche Zentralität einräumt wie betrieblichen Interessen und den Mitarbeitern hilft, Beratung und Anleitung zu erhalten.

arbeitnehmer: In einer Ihrer Untersuchungen haben sie herausgefunden, dass viele Männer gerne mehr Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder übernehmen würden. Trotzdem arbeiten nur fünf Prozent in Teilzeit, weil sie Karrierenachteile befürchten. Sehen Sie langfristig die Chance für ein Umdenken?

Prof. Fthenakis: Ein Umdenken ist weder bei den Männern noch bei den Frauen und nicht einmal bei den Kindern die vorrangige Aufgabe. In der Studie, die sich mit der Rolle des Vaters in der Familie befasst, konnte nachgewiesen werden, dass die absolute Mehrheit der Väter in der sozialen Verantwortung und damit auch in der Erziehungsverantwortung die Priorität von Vaterschaft ansehen: 67 Prozent der Väter definieren sich als "Erzieher des Kindes" und nur 33 Prozent primär als "Brotverdiener". Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass nur zwei Prozent der jungen Väter die Erziehungszeit in Anspruch nehmen. Die LBS-Familienstudie, die sich damit eingehend befasst hat, konnte zeigen, dass die fehlende finanzielle Grundlage der Familie den Hauptgrund hierfür darstellt.

In Ländern, wie Schweden, in denen Väter heute 75 Prozent ihres Gehaltes während der Erziehungszeit erhalten, nimmt fast die Hälfte der Väter die Erziehungszeit in Anspruch. Aber auch die Vorgesetzten, so eine weitere qualitative Studie, halten Väter oft erfolgreich von der Inanspruchnahme der Erziehungszeit ab. In einigen Fällen spielt die Geschlechtsrollenorientierung von Männern (und Frauen) eine Rolle. Zudem haben Jugendliche im Bildungssystem selten die Gelegenheit gehabt, Teilzeitmodelle zu erproben. Jungen und Mädchen zwischen neun und zwölf Jahren zum Beispiel möchten ein Teilzeitmodell beim Besuch des Hortes anwenden, das aber unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht realisierbar ist. Dennoch sind die Chancen zu nutzen, die sich aus einer Flexibilisierung und Dezentralisierung von Arbeit bei Nutzung neuer Technologien bieten. Flexibilisierung auf beiden Ebenen, Familie wie Betrieb, ist das Gebot der Stunde.

arbeitnehmer: Lassen Sie uns den Blickwinkel der Fragen etwas ändern, in Richtung auf die Kinder. Für heftige Turbulenzen hat die PISA-Studie gesorgt, die deutschen Schülerinnen und Schülern, international gesehen, einen eher schlechten Bildungsstand bescheinigt. Was halten Sie in diesem Zusammenhang von der Forderung, den Unterricht bereits im frühen Kindesalter zu intensivieren? Besteht nicht auch die Gefahr einer Überforderung für die Kinder?

Prof. Fthenakis: Die PISA-Studie hat die Nation geschockt mit dem Befund: Das Bildungssystem erzeugt mäßige Qualität von Bildung und starke soziale Ausgrenzung. Was nicht diskutiert wird, ist der weitere Befund, dass unsere Jugendlichen Weltmeister in der Xenophobie, also Fremdenangst, sind. Die Reaktionen der Politiker sind mehr durch die Schuldzuweisung und weniger durch einen angemessenen Umgang mit diesen Befunden charakterisiert. Die Forderung nach Vorverlegung der Schulpflicht ist eine durch die Studie bzw. durch die Interpretation der Daten nicht zu rechtfertigende Forderung. Denn erstens kann die Studie nichts über die Ursachen aussagen und schon gar nicht belegen, dass die vorschulische Erziehung diese Befunde verursacht oder wesentlich mitbedingt, und zweitens zeigt die richtige Auslegung der von der Studie nahe gelegten Maßnahmen, dass diese nicht primär im strukturell-organisatorischen Bereich zu suchen sind. Vielmehr müssen wir die Frage aufwerfen, wie angemessen das Bildungskonzept in der Grundschule ist und wie der Bildungsauftrag für Kindertageseinrichtungen neu definiert werden sollte. In beiden Bereichen besteht in Deutschland großer Diskussions und Reformbedarf.

arbeitnehmer: Ist nicht möglicherweise die Institution Kindergarten selbst schnell überfordert, wenn man bedenkt, dass oft große Gruppen von Kindern betreut werden müssen von denen viele oft nicht richtig deutsch können? Sind die Erzieherinnen auf ihre Aufgaben pädagogisch gut genug vorbereitet?

Prof. Fthenakis: Die Institution Kindergarten ist eine in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bewährte Einrichtung. Institutionen müssen sich aber auch veränderten Rahmenbedingungen anpassen und sich verändern können, wenn dies im Interesse des Erziehungs- und Bildungsauftrags notwendig ist. Wir stehen heute vor der Frage der Weiterentwicklung des Konzepts der Betreuung, Erziehung und Bildung unserer Kinder. Dabei gewinnt der Bildungsauftrag erneut an Zentralität und Aktualität. Wenn man diesen sogar in Übereinstimmung von internationalen Entwicklungen definiert, dann müssen auch strukturelle und personelle Veränderungen kommen: Die Erzieherausbildung muss reformiert werden, die pädagogischen Standards von Qualität verlangen kleinere Gruppen, bessere Ausstattung und moderne Bildungskonzepte legen sogar die Entwicklung neuer Formen von Erziehungseinrichtungen nahe, in denen neben vielfältigen Angeboten für Kinder auch Angebote zur Stärkung der Erziehungskompetenz von Eltern und solche zur Weiterqualifizierung der Fachkräfte integriert werden.

Das Erziehungs- und Bildungskonzept weist erhebliche Defizite im Bereich der kognitiven Förderung, des naturwissenschaftlichen Bereichs, der Förderung des mathematisch-logischen Denkens und ganz besonders im Bereich der Frühförderung des Spracherwerbs auf. Es sind demnach sowohl strukturelle als auch konzeptionelle Reformen angesagt. Eine moderne Bildung in den Kindertageseinrichtungen ohne solche Reformen kann nicht verwirklicht werden. Und die Bedeutung der ersten sechs Jahre der kindlichen Entwicklung dürfen im Bildungssystem nicht weiter unterschätzt werden.

arbeitnehmer: Wie sehen Sie generell das Zusammenspiel zwischen häuslicher und "institutioneller" Erziehung? Können Väter und Mütter heute noch in ausreichendem Maße ihrer Verantwortung gerecht werden auch vor dem Hintergrund, dass die herkömmliche Familie sich in einem Wandlungsprozess - mehr Scheidungen, viele allein Erziehende - befindet? Brauchen die leiblichen Eltern selbst mehr Unterstützung und Betreuung?

Prof. Fthenakis: Neue Bildungskonzepte betonen den Erwerb lernmethodischer Kompetenz - zu lernen wie man lernt, wie man Wissen organisiert zur Lösung von Problemen und wie man Wissen sozial verantwortet - und sie zielen auf eine Stärkung kindlicher Metakompetenzen: des kindlichen Selbstwertgefühls, der Kompetenz zur Selbstregulation, der positiven Selbsteinschätzung, der interkulturellen Kompetenz usw. Solche Kompetenzen werden aber nicht nur in den Bildungsinstitutionen gefördert, sondern genauso und vor allem in der Familie. Eine auf Stärkung von Kompetenzen aufbauende Bildungskonzeption hebt deshalb die bisherige Kluft zwischen familialer und institutioneller Erziehung und Bildung auf, verbindet formelles und informelles Lernen und begreift Eltern und Erzieher als Kooperationspartner, die an der schönsten Aufgabe dieser Welt, der Entwicklung des Kindes, mitwirken.