Wassilios Emmanuel Fthenakis
Jeder in seiner Wohnung
Weihnachten ist Familienzeit - doch immer mehr Menschen leben in Partnerschaften auf Zeit, als allein Erziehende oder in so genannten "Fortsetzungsfamilien".
Über deren Zukunft im Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis.

Interview erschienen in der Zeitschrift "Thüringer Allgemeine" am 16.12.2000

Thüringer Allgemeine: Mit Boris und Babs Becker hat sich gerade eine deutsche "Ideal- und Musterfamilie" getrennt. Beschäftigt das einen Familienforscher?

Fthenakis: Die Familie Becker ist charakteristisch für unseren sozialen und kulturellen Umgang mit der Institution Ehe und Familie. Sie wird von außen glorifiziert und mit Erwartungen bestückt, die die Einzelnen oft nicht erfüllen können. Der Tennisstar Boris Becker ist zu einem erwachsenen Mann geworden, wer diesen Übergang vollzieht, verändert auch seine Bedürfnisse. Zudem befriedigt das traditionelle Muster von Familie das die Beckers anwandten - Frau zu Hause, Mann als Brotverdiener unterwegs -, die wenigstens Frauen. Nicht zu vergessen die Belastung für Barbara Becker durch ihre Bikulturellität - in schönen Zeiten kann das zur Bereicherung beitragen, gerät die Ehe jedoch unter Druck, wird es zum Risiko.

Thüringer Allgemeine: Die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare durch die amtierende Regierungskoalition, die Sorgen um die Zukunft der Rente, nur wenigen ist wirklich bewusst, dass all das unmittelbar mit Wandlungen des tradionellen Familienbildes zu tun hat. Hat die gute alte Rama-Familie ausgedient?

Fthenakis: Wir befinden uns mitten in einem erheblichen Transformationsprozess. Wir müssen nachdenken über Familienformen und -strukturen, aber auch über die Qualität von Beziehungen. Bleiben wir bei den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften: Dahinter steckt ein neues Partnerschaftsmodell, das sowohl von Heterosexuellen als auch von Homosexuellen praktiziert wird. Jeder hat seine Wohnung, seinen Haushalt, von dem aus er mit dem Partner operiert. Der Anteil derartiger Beziehungen macht bereits 40 Prozent bei den unter 35-jährigen und immerhin 30 Prozent bei den 44-jährigen aus. Nur mit den alten Familienkonzepten kommen wir da nicht weiter. Wir brauchen eine Partnerschaftspolitik, die unterschiedlichen Modellen Rechnung trägt.

Thüringer Allgemeine: Artikel 6 des Grundgesetzes schützt unverändert Familie und Ehe.

Fthenakis: Das ist richtig. Das Bundesverfassungsgericht hat jedoch seine Rechtsprechung verändert. Danach wird eine Mutter mit einem Kind ebenso als Familie akzeptiert wie ein Geschiedener mit Kind. Sowieso gibt es den berühmten verfassungsrechtlichen streit, ob das UND in Artikel 6 Ausschließlichkeit bedeutet im Sinne eines entweder Ehe und Familie oder keine Familie .Familie ist eine soziale Konstruktion, sie hat in der Geschichte immer Wandlungen unterlegen. An denen zeigt sich ja gerade ihre Vitalität und Überlebenschance.

Thüringer Allgemeine: Das klingt so, als hingen Sie nicht am traditionellen Bild von Ehe und Familie?

Fthenakis: Das ist keine Frage des individuellen Standpunktes. 38 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer betrachten die Ehe als Voraussetzung für das Zusammenleben, diese Zahlen sprechen für sich. Veränderungen der traditionellen Familie werden gern als deren Verfall gewertet. Nach allem, was wir wissen, ist das überhaupt nicht der Fall. Die Menschen möchten familiäre Werte erleben, sich die Struktur ihres Zusammenlebens aber nicht länger vorschreiben lassen.

Thüringer Allgemeine: Traditionelle Ehepartnergehen mit dem Ja-Wort auf Lebenszeit auch rechtliche sprich justiziable Verpflichtungen gegenseitiger Verantwortung ein, nicht zuletzt für die gemeinsamen Kindern ist das wirklich vergleichbar etwa mit gleichgeschlechtlicher Paarung ohne rechtliche Folgen?

Fthenakis: Das ist eine Frage möglichst differenzierter Ehemodelle. International ist man da weiter als in Deutschland. Louisiana hat verschiedene Ehemodelle eingeführt. Faktisch gibt es sie auch bei uns, nur sieht man sie nicht oder will sie nicht sehen. Und was ist eine traditionelle Ehe? Es ist auch nicht das gleiche, eine Erstehe oder Zweitehe oder Drittehe einzugehen. Das sind Ehen auf Zeit. Johann Wolfgang Goethe vertrat in seinen "Wahlverwandtschaften" den Standpunkt, dass die Unauflöslichkeit der Ehe der dritten Ehe vorbehalten bleiben sollte. Und er wusste auch warum.

Thüringer Allgemeine: Was aber ist mit der Schutzbedürftigkeit der Kinder?

Fthenakis: Die steht für mich außer Frage. Damit wir uns richtig verstehen: Es ist schön und ich beneide jeden, der es schafft, sich gefühlsmäßig, wertmäßig, beziehungsmäßig auf lange oder Lebenszeit mit einem Partner oder einer Partnerin zu verbinden. Das ist die stärkste Leistung, die man im Leben erbringen kann. Das muss nicht nur respektiert, es muss geschützt und unterstützt werden. Ich selbst bin mit meiner Frau seit 28 Jahren glücklich. Das ist aber kein Grund, die zu diskriminieren, die es nicht schaffen.

Thüringer Allgemeine: Was wäre Ihrer Ansicht nach in Sachen Familie wünschenswert?

Fthenakis: Zwei Dinge.
Erstens: die erwähnte Partnerschaftspolitik die die Qualität der Beziehungen stützt und stärkt. Ohne das ist die Familie nicht zu retten. Familien gehen in den seltensten Fällen auseinander, weil die Eltern-Kinder-Beziehung Probleme verursacht. Partnerschaftspolitik gab es bisher nicht, mit den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften beginnen wir aber immerhin zu realisieren, dass sie vielleicht wesentlich für stabile Familiensysteme ist.
Zweitens: Wir brauchen mehr Erziehungskompetenz. Wir haben nichts, was Mädchen und Jungen auf die Rolle des Partners, des Vaters oder der Mutter vorbereitet. In Nordeuropa oder den USA gibt es dazu ausgereifte Konzepte. Ihre Wirksamkeit ist durch Studien belegt.

Thüringer Allgemeine: Die Werbung belehrt uns - zumal in der Weihnachtszeit - dass die so genannte "Rama"-Familie zumindest ideell noch nicht ganz out ist. Woran liegt es, dass sie in der Praxis nicht, recht funktionieren will?

Fthenakis: Der Zusammenhalt der Familie hängt von individuellen und familiären Merkmalen ab. Lässt etwa der Vater die Einflussnahme seiner Partnerin zu und gelingt es dem Paar, Konflikte angemessen zu bewältigen, dann sind dies gute Voraussetzungen für die Stabilität einer Partnerschaft. Hinzu kommen Außenfaktoren wie die Arbeitswelt oder die gesamte gesellschaftliche Einstellung zur Familie. Das Fazit der Familienforschung ist allerdings eher ernüchternd: Die Menschen sind nicht kompetent im Ungang mit Konflikten, sie lösen ihre Probleme nicht. Dies zusammen mit dem Druck von außen führt zur Destrukturierung der Familie. Wir müssen auf beiden Ebenen arbeiten. Neben Kommunikation und Organisation braucht eine Familie Werte, Geschichten, Geheimnisse, Rituale, das stärkt sie.

Thüringer Allgemeine: Lange sahen viele, vor allem Männer, die Ehe und Familie so etwas wie eine Versorgungsinstitution für Frauen und Kinder. Mittlerweile sind Frauen selbstbewusster und wirtschaftlich unabhängiger. Stehen die alten Familienmodelle womöglich auch auf dem Prüfstand, weil Frauen nicht mehr damit zufrieden sein wollen, in einer Partnerschaft unzufrieden zu sein?

Fthenakis: Frauen stehen vor einem makrosozialen und einem mikrosozialen Problem. Beim ersten geht es darum, eine möglichst gleichwertige Stellung im System wie die Männer zu erreichen. Diesbezüglich ist viel getan worden. Kommt jedoch das erste Kind, bricht das Erreichte wieder zusammen. Weil qualitativ hochwertige Betreuungsangebote für die Kinder fehlen, müssen Mütter vielfach zu Hause bleiben und letztlich zu traditionellen Familiemodellen zurückkehren. Folgen sind nicht nur eine große Unzufriedenheit und Belastungen für die Partnerschaft, sondern auch Verschwendungen von volkswirtschaftlichem Kapital. Dies ist umso gravierender, als Frauen der eigentliche Motor des sozialen Wandels sind. Die Gesellschaft sollte das endlich anerkennen und ihnen gerade in diesen empfindlichen Phasen der Übergänge Hilfe zukommen lassen.

Thüringer Allgemeine: Erste Auswirkungen von allein Erziehenden, Einkind- oder kinderlosen Familien sind übersehbar, es gibt weniger Onkels und Tanten, Verwandtschaften werden kleiner. Müsste mehr getan werden, um wenigstens die einfache Reproduktion- zwei Eltern, zwei Kinder - zu sichern?

Fthenakis: Um das System zu reproduzieren, wären rechnerisch sogar 2, 1 Kinder notwendig. Momentan stehen wir bei 1, 4. Wenn man nicht bald die Scheu ablegt, offen darüber zu sprechen , ist das System in seinen Fundamenten für das nächste Jahrhundert nicht zu halten. Ich bin jetzt 30 Jahre in der Forschung und sehe wie Politiker plötzlich erkennen, was wir ihnen seit über 25 Jahren predigen. Nämlich: Wir brauchen eine Familienpolitik, die den Familien erlaubt, ihren bestehenden Kinderwunsch zu verwirklichen.

Thüringer Allgemeine: Die DDR agierte einst mit Kinderprämien und Familienkrediten...

Fthenakis: Ich bin kein Freund staatlicher Verordnungen. Wenn jedoch Menschen heute gern zwei Kinder hätten, was wir aus Befragungen wissen, manche sogar mehr, den Wunsch aber nicht realisieren, weil die Rahmenbedingungen ungünstig sind, muss die Politik handeln.

Thüringer Allgemeine: Was schlagen Sie vor?

Fthenakis: Eine Politik, die einer erwerbstätigen Mutter im ersten Lebensjahr des Kindes die Chance gibt zu Hause zu bleiben - mit 80 Prozent ihres Gehaltes. Diese Zeit könnte auch genutzt werden, Kompetenz in die Familie zu bringen. Natürlich sollte jede Frau nach dem Babyjahr wieder auf qualitativ hochwertige Angebote zurückgreifen können.

Thüringer Allgemeine: Über Weihnachten sind Familien erfahrungsgemäß großen Belastungen ausgesetzt. Was rät der Experte?

Fthenakis: Zunächst ist es natürlich beunruhigend, wenn wir alle miteinander ständig feststellen müssen, dass die Zeit, in der die Familie zusammenkommen sollte, von vielen als Zeit der Konflikte des Stresses und Unbehagens empfunden wird. Man sollte sich des Wertes des Partners, der Kinder, der Familie bewusst werden, bevor man sich in den tristen Alltag hineinbegibt. Zudem empfehle ich immer mal wieder eine kleine Exkursion in die Geschichte der Beziehung, um sich der schönen Momente zu versichern. Ein genereller Rat: Bei deutlichen Anzeichen von Schwierigkeiten oder Konflikten sollte man sich nicht scheuen , qualifizierte Partnerberatungen um Hilfe zu bitten. Die meisten Beziehungen können revitalisiert werden, es gibt dafür erstklassige Probgramme.

Thüringer Allgemeine: Wie verbringen Sie Weihnachten?

Fthenakis: Ganz in Familie. Ein Sohn kommt aus Madrid, der andere ist im Haus. Ich genieße es.


Das Gespräch führte Hanno Müller