Wassilios Emmanuel Fthenakis
Mehr Farbe ins Spiel
Die Zeiten, als Kindergartenkinder PISA noch für einen schiefen Turm hielten, sind vorbei. Das Nachbeben der internationalen Schulstudie, die deutschen Schülern erschreckende Bildungslücken bescheinigte, hat die Stuhlkreise in den Kindergärten erreicht.

Interview in ELTERN, Heft 5/2003

Mittlerweile sind viele Fachleute überzeugt, dass nicht nur die Schule versagt hat. Sie vermuten: Im Vergleich mit anderen Ländern hätten deutsche Kindergärten kein bisschen besser abgeschnitten als die Schulen - allenfalls unteres Mittelfeld.

Auf einmal sind Töne zu hören, die manchen Eltern eiskalte Schauer über den Rücken jagen: von Bildungsoffensive im Kindergarten ist die Rede, von Professionalisierung der Frühpädagogik, von akademischer Ausbildung für Erzieherinnen, von Qualitätsmanagement. Geht es hier eigentlich noch um kleine Kinder?

Über die Zukunft unserer Kindergärten sprachen wir mit Professor Wassilios Fthenakis. Der Pädagoge, Entwicklungspsychologe und Biologe hat mit seinen Mitarbeitern im Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik den neuen „Bildungs- und Erziehungsplan“ für Bayern entwickelt, der ab September in Kindergärten umgesetzt werden soll. Fthenakis berät nicht nur das Bayrische Sozialministerium, sondern auch die deutsche und die chinesische Regierung.

ELTERN: Verstehen Sie Eltern, die sich davor fürchten, dass ihre Kinder jetzt schon mit drei Jahren fit für die Leistungsgesellschaft gemacht werden sollen?

Fthenakis: Ich kenne diese Ängste. Und ich kann sie verstehen. Aber: Niemand hat vor, Kindergärten in Schulen umzuwandeln. Inzwischen wissen wir ja, dass kleine Kinder nur im Spielen lernen. Spielen und Lernen sind zwei untrennbare Seiten einer Medaille. Deshalb wird es auch in Zukunft keinen Frontalunterricht für Drei- bis Sechsjährige geben. Außerdem geht es uns gerade nicht um einen Leistungsvergleich zwischen den Kindern. Uns interessiert in erster Linie der Fortschritt jedes einzelnen. Unsere Frage lautet: Hilft der Kindergarten jedem Kind, sich seinen Möglichkeiten entsprechend zu entwickeln?

ELTERN-Interview: Professor Wassilios Fthenakis (M.) im Gespräch mit ELTERN-Redakteuren Christine Heide und Oliver Steinbach

ELTERN: Was muss Ihrer Meinung nach besser werden als früher?

Fthenakis: Es gibt in Deutschland heute schon Einrichtungen, in denen Kinder Anregungen vielfältiger Art bekommen, in denen sie viel Spaß haben und gleichzeitig eine Menge lernen. Ob jedoch ein Kind in den Genuss einer solchen guten Einrichtung kommt oder nicht, ist bisher dem Zufall überlassen. Hier muss sich etwas ändern. Damit alle Kinder die gleichen Chancen haben, brauchen wir einen Bildungs- und Erziehungsplan, der für alle Kindergärten gilt.

Dieser Plan soll aber nicht abfragbares Wissen in den Mittelpunkt stellen, Wissen, das alle Kinder beim Schulübertritt parat haben müssen. Wenn wir von guter frühkindlicher Bildung sprechen, dann meinen wir damit die Unterstützung der kindlichen Entwicklung ganz allgemein, die Förderung der Stärken jedes Kindes, die Erziehung zu mehr sozialer Mitverantwortung, die Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten und eine gründliche Ausbildung des naturwissenschaftlichen und technischen Verständnisses. Vor allem aber sollen die Kinder das Lernen lernen. Sie sollen verstehen können, was sie lernen, ebenso, wie und warum sie lernen.

ELTERN: Bitte nennen Sie ein Beispiel.

Wassilios Fthenakis: In jedem Kindergarten wird „Kaufladen“ gespielt. Am Ende erzählen die Kinder: „Wir haben eingekauft und viel Geld bezahlt.“ Darauf beschränkt sich meist das Lernen: Wir haben etwas getan.

Aber das reicht nicht. Kinder brauchen Anregung, sich auch auf einer höheren Ebene Gedanken zu machen. Die Erzieherinnen sollten künftig gemeinsam mit den Kindern überlegen, warum etwa das Kaufladen-Spiel so interessant ist. Denn schon Vierjährige können begreifen, dass es in so einem Geschäft ganz unterschiedliche Perspektiven gibt - den Blickwinkel des Ladeninhabers, des Käufers, der Kassiererin. Oder sie erfahren, was mit dem Geld passiert. Fragt man Kinder, was nach dem Kaufen wohl mit dem Geld geschieht, antworten manche: „Das wird geschmolzen, damit man neue Münzen daraus machen kann.“ Sie sollten aber auch lernen, dass Geld von einer Hand in die andere geht und dass es z. B. einen Geldkreislauf gibt.

ELTERN: Ziehen die Kinder denn da mit?

Fthenakis: Und wie. Kinder entwickeln von sich aus so viel Interesse an den verschiedensten Dingen. Schauen Sie nur, mit welcher Begeisterung sie bei naturwissenschaftlichen Experimenten mitmachen. Wenn sie zum Beispiel lernen, wie man eine Flamme löschen kann, indem man dem Feuer Sauerstoff entzieht. Bei so etwas langweilt sich kein Kind.

ELTERN: Stichwort: sprachliche Fähigkeiten. Deutschland hat bei PISA auch deshalb schlecht abgeschnitten, weil viele ausländische Schüler Sprachprobleme haben und deshalb Schwierigkeiten in den meisten Schulfächern.

Fthenakis: Das stimmt. Es reicht aber nicht, ausländischen Kindern vor der Schule bessere Deutschkenntnisse zu vermitteln - obwohl eine intensivere Sprachförderung für sie nötig ist. Wir brauchen genauso eine Atmosphäre im Kindergarten, die kulturelle Unterschiede bejaht und begrüßt. Dieser Gedanke ist noch nicht überall selbstverständlich. Wir sollten jedoch erkennen, dass die Unterschiede in der Sprache, in der Religion oder den Essgewohnheiten genutzt werden können - nämlich für mehr Lernerfahrung.

Prof. Wassilios Fthenakis ELTERN: Wie setzt man das im Kindergarten um?

Fthenakis: Wenn etwa ein mohammedanisches Kind in der Gruppe ist, kann man das zum Anlass nehmen, mit den Kindern darüber zu sprechen, dass es auf der Welt verschiedene Systeme des Glaubens gibt, dass jedes dieser Systeme Stärken hat und über einen eigenen Reichtum an Erfahrungen verfügt. Ich sehe es als eine wunderbare und herausfordernde Erziehungsaufgabe an, Kindern klar zu machen: Eure Stärken sind unterschiedlich, und wenn ihr euch zusammentut, erreicht ihr mehr als jeder Einzelne für sich.

ELTERN: Von den Erzieherinnen verlangt der neue Bildungsanspruch eine Menge. Wie sollen sie das leisten?

Fthenakis: In Bayern werden alle Fachkräfte eine Fortbildung bekommen. Für die künftigen Erzieherinnen brauchen wir eine neue, moderne Ausbildung. Ich plädiere für ein Universitätsstudium. Eigentlich sind sich da alle Fachleute einig.

ELTERN: Führt das nicht eher zu einer Verkopfung des Erzieherberufs - wo doch praktisches Handeln und menschliche Wärme gefragt wären?

Fthenakis: Menschliche Wärme und ein Bildungskonzept, das aktuellen Anforderungen genügt, schließen sich doch nicht aus. Eine Hochschulausbildung hätte neben der Vermittlung von pädagogischem und entwicklungspsychologischem Fachwissen noch weitere Vorteile: bessere Bezahlung und ein höheres Sozialprestige des Erzieherberufs als heute - was dazu führen könnte, dass sich auch mehr Männer für den Beruf interessieren. Erzieherinnen und Erzieher hätten in Europa außerdem mehr Bewegungsfreiheit, denn in allen anderen Ländern - außer in Österreich - ist der Hochschulabschluss für Erzieherberufe längst selbstverständlich. Schließlich würde auch die Forschung weitergebracht werden.

ELTERN: Sie wollen Erzieherinnen besser bezahlen. Wäre es nicht sinnvoller, erst mal mehr Fachkräfte einzustellen?

Fthenakis: Zunächst: Mehr Quantität bedeutet nicht notwendig mehr Qualität. Aber es stimmt schon: Die heutigen Gruppen sind mit durchschnittlich 23 oder 24 Kindern immer noch zu groß. Was wir für die Kindergärten brauchen, ist ein Verhältnis von zwei Fachkräften auf 16 Kinder. Das entspräche den pädagogischen Standards.

ELTERN: Werden Eltern, deren Kind heute im Kindergarten ist, die geplanten Veränderungen noch erleben?

Fthenakis: In Bayern auf jeden Fall. Weil wir bereits im September den ersten Entwurf eines neuen Bildungsplans freigeben werden. Die Erzieherinnen können dann ein Jahr lang Erfahrungen damit sammeln, die anschließend in die endgültige Fassung eingearbeitet werden sollen. Wahrscheinlich werden andere Bundesländer nachziehen.

Prof. Wassilios Fthenakis ELTERN: Was raten Sie Eltern, die heute schon zu einer Verbesserung des Bildungsangebots im Kindergarten beitragen wollen? Ist es denkbar, dass eine Mutter z. B. regelmäßig zum Vorlesen kommt?

Fthenakis: Natürlich. Ohnehin sieht der neue Bildungsplan vor, die Eltern stärker zu beteiligen. In Bayern wird es künftig einen Ausschuss mit Drittelparität geben. Er setzt sich zu je einem Drittel aus Vertretern der Fachkräfte, der Träger und Gemeinde sowie der Eltern zusammen. Alle Entscheidungen über den Kindergarten werden hier getroffen. Wir müssen endlich davon wegkommen, Kindergarten und Elternhaus als separate Welten zu betrachten.

Nichts spricht dagegen, wenn Mütter im Kindergarten helfen. Oder auch Großeltern. Und Väter. Die Kinder suchen oft den Kontakt mit Männern. Man sollte mit der Erzieherin besprechen, was möglich ist. Eine Mutter hilft, ein Computer-Projekt einzurichten, ein Vater organisiert ein Zeltlager...

Das ist auch das Interessante an unserem Bildungsplan: Er verlangt keine großen Veränderungen der Infrastruktur, sondern vor allem eine Veränderung in den Köpfen.


Mehr Personal, mehr Eltern, mehr Kontrolle
Hier die wichtigsten Forderungen des Kindergartenreformers Fthenakis zusammengefasst:
  • Ein einheitlicher Bildungs- und Erziehungsplan
    Bisher können Träger und Kindergartenleitung weitgehend beliebig über ihr pädagogisches Konzept entscheiden. Ein allgemein verbindlicher Bildungsplan soll nun Chancengleichheit für alle Kinder schaffen.
  • Qualitätskontrolle
    Kindergartenleitung und Träger benötigen Instrumente, mit deren Hilfe sie ihre Arbeit in der Einrichtung bewerten und mit anderen Kindergärten vergleichen können.
  • Bessere Ausbildung des Personals
    Erzieherinnen brauchen künftig ein Universitäts- oder Fachhochschulstudium, ähnlich wie Lehrer. Beide Studiengänge sollten eng miteinander verzahnt werden. Fachkräfte, die heute bereits im Beruf sind, erhalten eine Fortbildung.
  • Mehr Erzieherinnen
    Die neuen Ziele lassen sich nur mit mindestens zwei Fachkräften auf 16 Kinder erreichen.
  • Forschung und Wissen
    Der neue Bildungsauftrag erfordert intensive wissenschaftliche Begleitung.
  • Eltern-Beteiligung
    Mütter und Väter sollen bei allen Entscheidungen, die den Kindergarten betreffen, mitreden können.