Wassilios Emmanuel Fthenakis
Mehr Geld erhöht nicht die Geburtenrate
Familienforscher Wassilios Fthenakis fordert eine kinderfreundliche Infrastruktur und flächendeckende Beratungsstellen für Eltern

Interview erschienen in der Zeitschrift "Focus" am 21.05.2001

Focus: Die Geburtenrate sinkt und sinkt und sinkt. Die Deutschen scheinen auszusterben. Ist diese Entwicklung noch aufzuhalten?

Fthenakis: Ja, natürlich. Allerdings nur mit der richtigen Politik.

Focus: Politikern fällt fast jeden Tag etwas Neues ein, wie sie die Deutschen animieren wollen, wieder mehr Kinder in die Welt zu setzen. Was taugen diese Vorschläge?

Fthenakis: Die Politik versucht, mit alten Konzepten eine moderne Entwicklung zu steuern. Das kann nicht funktionieren. Politiker machen zwei große Fehler: Sie stellen alte Fragen und glauben, neue Antworten zu erhalten. Und sie denken, allein mit Geld könnten sie die Geburtenrate erhöhen. Dabei verkennen sie, welche Bedürfnisse Familien heute haben. Heutige Familien entsprechen nicht mehr dem traditionellen Bild der 50er-Jahre.

Focus: Höheres Kindergeld, Erziehungsgeld, Steuerfreibeträge - löst Geld nicht die Probleme?

Fthenakis: Natürlich sind ökonomische Hilfen wichtig, aber Geld allein wird die Geburtenrate in Deutschland um keinen einzigen Prozentpunkt nach oben bewegen.

Focus: Was lässt die Kurve ansteigen?

Fthenakis: Eine andere Politik. Bisher gibt es in Deutschland kein umfassendes familienpolitisches Konzept. Politiker doktern immer nur an einzelnen Aspekten herum, erkennen aber nicht die Gesamtaufgabe. Es fehlt eine Politik, die die Bedürfnisse der Familie erkennt und sich daran orientiert - nicht umgekehrt.

Focus: Was muss ein solches Gesamtkonzept enthalten?

Fthenakis: Wir müssen die finanziellen Nachteile von Familien gegenüber Kinderlosen beseitigen. Mindestens genauso wichtig ist es, in eine Infrastruktur zu investieren, die Familien gerecht wird, das heißt, Räume für Kinder zu schaffen, Spielplätze, Spielstraßen, Cafés für Eltern und Kinder. Bundesländer und Städte müssen ihre Angebote koordinieren und Eltern in die Gestaltung mit einbeziehen. Politiker sollten endlich den Dialog mit Familien beginnen. Bisher sprechen sie nicht mit ihnen, sondern nur über sie.

Focus: Ist Deutschland ein kinderfeindliches Land?

Fthenakis: Nein, aber wir investieren zu wenig in eine familienfreundliche Umgebung. Die Rechte der Kinder gehen unter in struktureller Rücksichtslosigkeit.

Focus: Was hält Paare davon ab, Kinder in die Welt zu setzen?

Fthenakis: Genau diese Frage sollten sich Politiker stellen: Warum verzichten 30 Prozent der Paare darauf, Kinder zu bekommen? Warum entscheiden sich so wenige für ein zweites oder gar drittes Kind?

Focus: Wie lauten die Antworten?

Fthenakis: Wer diese Fragen beantworten will, wird feststellen, wie wenig homogen, wie paradox teilweise die Entwicklung verläuft. Zum Beispiel zeigen Studien, dass die Mehrzahl der Deutschen nach wie vor eine Familie mit zwei Kindern als Idealbild ansehen. Ein Viertel sagt, drei Kinder seien ideal. Aber die Praxis sieht völlig anders aus. Nur 33 Prozent der Paare entscheiden sich für ein zweites Kind, zehn Prozent für ein drittes.

Ein anderes Beispiel für das Paradoxe in der Entwicklung: Kinder kosten Geld. Also scheint die Annahme plausibel, dass sich Paare mit einem höheren Einkommen häufig auch mehr Kinder wünschen. Die Realität zeigt das Gegenteil: Gut verdienende Paare entscheiden sich nur selten für ein zweites Kind, während diejenigen mit einem geringen Einkommen drei oder vier Kinder in die Welt setzen. Diese Tatsache ist ein eindeutiger Beweis dafür, dass Politiker eben nicht nur über die Verteilung von Geld reden dürfen, wenn sie die Geburtenrate steigern wollen.

Focus: Wenn nicht finanzielle Sicherheit motiviert, Kinder zu bekommen, was dann?

Fthenakis: Entscheidend ist die Qualität der Partnerschaft. Außerdem gibt es verschiedene Faktoren, die den Kinderwunsch beeinflussen. Zum Beispiel wünschen sich Väter dann ein zweites Kind, wenn das erste die Liebe nicht belastet, wenn ihnen ihre Partnerin auch nach der Geburt noch genügend Aufmerksamkeit und Zuwendung schenkt. Für die Frau ist unter anderem wichtig, dass sich das Machtgefüge nicht zu ihren Ungunsten verschoben hat. Deshalb ist es wichtig, Ehen und Partnerschaften vor Krisen zu schützen und Paaren bei Schwierigkeiten beratend beizustehen.

Focus: Es geht nicht um Liebe, sondern um Macht?

Fthenakis: Ja, auch um Macht. Wenn die Frau ihren Beruf aufgibt und damit ihr eigenesEinkommen verliert, verschieben sich die Machtverhältnisse in der Partnerschaft. Empfindet die Frau ihre Mutterrolle als wenig erfüllend, wird sie auf ein zweites Kind verzichten und lieber wieder in den Beruf zurückkehren wollen.

Focus: Sollen Politiker in deutsche Schlafzimmer hineinregieren?

Fthenakis: Meine Position lautet: Politik sollte nicht versuchen, über strukturelle Maßnahmen Einfluss zu gewinnen, sondern Prozesse der Familienentwicklung fördern.

Focus: Wie funktioniert das?

Fthenakis: Wir müssen Mädchen und Jungen bereits in der Schule auf Partnerschaft, Ehe und Elternschaft vorbereiten. Ich denke da zum Beispiel an ein Unterrichtsfach. Zudem brauchen wir eine flächendeckende Beratung, die Paare ab der Schwangerschaft begleitet, Frauen und Männer auf die Elternrolle vorbereitet und in Krisen unterstützt.

Focus: Reichen die Beratungsstellen wie Pro Familia oder die Angebote der Kirchen nicht aus?

Fthenakis: Diese Einrichtungen sind überlastet. Sie müssen sich an heutige Erfordernisse anpassen und ihr Beratungskonzept ausbauen. Dafür benötigen sie professionelle Hilfe von außen.

Focus: Wie schnell würde Ihr familienpolitisches Gesamtkonzept greifen

Fthenakis: Ein solches Konzept greift schneller und effizienter als die bisherigen Ansätze. Ich bin sicher, dass die Geburtenrate steigt, sobald wir unsere Familienpolitik erneuern. Die Menschen warten darauf, dass sich endlich etwas ändert.