Wassilios Emmanuel Fthenakis
Warum zeugen die Deutschen so wenig Kinder?
Der bayerische Familienforscher Wassilios Fthenakis über die sinkende Geburtenrate und eine moderne Familienpolitik, die den Trend umkehren könnte

Artikel erschienen in der Zeitschrift "Welt am Sonntag" Nr. 2 am 14.01.2001 (Seite 33)

WELT am SONNTAG: Konrad Adenauer hat einmal gesagt: "Kinder haben die Leute sowieso." Gilt der Spruch noch?

Prof. Wassifos Fthenakis: Der galt schon damals nicht mehr. Die Geburtenrate geht bereits seit langem zurück. Das Phänomen hat allerdings erst jetzt ein Ausmaß erreicht, das ernsthafte Fragen für den Fortbestand des Sozialsystems aufwirft. Und nur diese Frage ist für die Politik relevant. Die Wissenschaft weist schon lange darauf hin - ohne dass sie bisher das politische Interesse auf sich lenken konnte.

WELT am SONNTAG: Woran liegt das?

Fthenakis: Die Familie ist immer für andere politische Zwecke instrumentalisiert worden. Statt zu fragen, wie die Politik der Familie gerecht werden kann, musste die Familie den politischen Ansprüchen gerecht werden. Es ist das große Dilemma dieses Landes, dass wir bis heute keine explizite Familienpolitik haben.

WELT am SONNTAG: Was verstehen Sie darunter?

Fthenakis: Bisher hat man innerhalb der verschiedenen Politikbereiche überlegt, wie man etwas für die Familie tun kann. Eine moderne Familienpolitik muss aber den umgekehrten Weg gehen. Sie muss die Familie in den Mittelpunkt stellen und fragen, welche Sorgen und Bedürfnisse sie hat. Daraus resultieren dann die Aufgaben für die anderen Politikbereiche.

WELT am SONNTAG: Derzeit übertreffen sich die Parteien gegenseitig mit Vorschlägen, wie die Familie zu fördern sei. Woher das plötzliche Interesse?

Fthenakis: Da kommt Verschiedenes zusammen. Zum einen wird der Spielraum für nationale Politik durch die EU erheblich eingeschränkt. Als Politikfeld, mit dem sich die Parteien profilieren können, bieten sich heute im Wesentlichen die Familien- und Bildungspolitik an. Zum anderen kommt das bevölkerungspolitische Argument dazu. Die Politik hat begriffen, dass sinkende Geburtenraten mehr Einwanderung erfordern. Das wird aber auf Probleme stoßen, weil Deutschland nicht darauf vorbereitet ist, multikulturell zu denken und zu handeln. Was bleibt, ist die Qualifizierung und Mobilisierung des vorhandenen Humankapitals und eine Förderung des generativen Verhaltens. Um den derzeitigen Trend zu stoppen, müssten wir die Geburtenrate in Deutschland von derzeit 1,4 auf 2,1 Kinder pro Frau steigern. Sonst wird die deutsche Bevölkerung in absehbarer Zeit um die Hälfte geschrumpft sein.

WELT am SONNTAG: Mit welchen Maßnahmen kann denn die Geburtenrate gesteigert werden? Mit einem Familiengeld von 1000 Mark im Monat wie die CSU fordert?

Fthenakis: Mit Sicherheit kann man heute sagen, dass finanzielle Förderung allein die Geburtenrate nicht wesentlich beeinflussen kann. Die Mehrheit der Frauen braucht Vereinbarkeit von Familie und Beruf und will ihre Berufstätigkeit gar nicht lange unterbrechen wegen des Kindes. Die Frage ist aber auch, wie Familien für ihre Leistungen honoriert werden. Wir haben hier ein gesamtgesellschaftliches Fairnessproblem. Die gegenwärtigen Leistungen des Staates liegen weit unter dem, was nötig wäre.

WELT am SONNTAG: Wie vertäut der Entscheidungsprozessfür Kinder innerhalb der Familie?

Fthenakis: Wir haben in der LBS-Familien-Studie junge Familien über fünf Jahre hinweg beobachtet. Vor der Geburt gab es in der Erwerbstätigkeit zwischen Männern und Frauen keinen Unterschied, bei der Hausarbeit wurde ein partnerschaftliches Prinzip gewählt. Wenn das Kind da ist, bleibt die Mehrheit der Frauen zu Hause und geht eine traditionelle Rollenverteilung ein. Mit Blick auf das Humankapital, das für die soziale Sicherung des Systems notwendig ist, kann man sich aber heute den Luxus nicht erlauben, qualifizierten Frauen die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorzuenthalten. Die Antwort ist klar: Wir brauchen qualitativ hochwertige Betreuungsangebote für Kinder unter drei und über sechs Jahren. Diesen brennenden Punkt ist das Land bisher nicht angegangen. Das ist politisch durch nichts zu rechtfertigen.

WELT am SONNTAG: Seit Januar gilt die neue Elternzeit mit einem Anspruch auf Teilzeitarbeit für Vater und Mutter und ein genereller Rechtsanspruch auf Teilzeit. Ist das der Durchbruch?

Fthenakis: Ich halte es für einen notwendigen Schritt in die richtige Richtung. Ohne gesetzlich verankerte Flexibilisierung wird die Wirtschaft auf familiale Bedürfnisse nicht angemessen reagieren. Zusätzlich brauchen wir Betreuungseinrichtungen und eine Partnerschaftspolitik.

WELT am SONNTAG: Was ist eine Partnerschaftspolitik?

Fthenakis: Wir haben sehr genau untersucht, wie die Partnerschaft durch ein Kind belastet wird. Kommunikation und Sexualität nehmen ab, der Streit nimmt zu. Den Partnern muss geholfen werden, die Schwierigkeiten, die auf sie zukommen, angemessen zu bewältigen. Deswegen plädiere ich für eine dritte Säule der Familienpolitik, die die Kompetenz von Männern und Frauen stärkt, Probleme in der Partnerschaft angemessener anzugehen.

WELT am SONNTAG: Was gehört noch zu einer modernen Familienpolitik?

Fthenakis: Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann spricht von einer "strukturellen Rücksichtslosigkeit" gegenüber Familien und insbesondere den Kindern. Wir müssen uns fragen, wie viele Räume wir für Kinder in diesem System haben. Wo spielen Kinder? Wie familienangemessen ist unsere Gesellschaft? Meine These lautet: Die einseitige Investition in die Familie hat mit dazu beigetragen, dass wir die "strukturelle Rücksichtslosigkeit" gepflegt habe. Denn hätten wir in die Gesellschaft hinein investiert, wäre sie auch viel sensibler für die Belange der Kinder.

WELT am SONNTAG: Von weichen Ländern können wir lernen?

Fthenakis: Frankreich hat zum Beispiel eine pronatalistische Politik. Der Staat erleichtert den Frauen den Zugang in die Erwerbstätigkeit und baut außerfamiliale Betreuungsangebote auf. In Frankreich sind 30 Prozent der Kinder unter drei Jahren in außerfamilialer Betreuung - bei uns sind es nicht einmal sechs Prozent. Die Geburtenrate dort liegt zwischen 1,7 und 1,8. In Schweden zahlt der Staat dem Mann oder der Frau im Erziehungsurlaub 75 Prozent des letzten Gehaltes - mit dem Effekt dass auch 28 Prozent der Männer in den Erziehungsurlaub gehen.

WELT am SONNTAG: Sind Sie zuversichtlich, dass wir unsere Geburtenrate wieder steigern können?

Fthenakis: Im Moment nicht. Dafür werden mutige Konzepte benötigt. Aber die Geburtenrate ist keine fixierte Größe. Sie hängt unmittelbar mit den Antworten zusammen, die Familien vorfinden, also auch mit dem Willen der Politik zur Gestaltung. Da darf sich die Politik nicht auf reine Rhetorik beschränken.

Das Gespräch führte Sabine Höher